Schildkröte

Leitfaden für Stockpicker

31 Beiträge in diesem Thema

Geschrieben · bearbeitet von Schildkröte

Vorwort:

Zur Börse im allgemeinen und Aktien im speziellen gibt es zahlreiche Lektüre. Wer sich ernsthaft damit beschäftigt, kommt nicht umhin, sich entsprechend einzulesen. Im Forum wurde jedoch immer wieder mal darauf hingewiesen, dass man nicht so recht wisse, wo genau man eigentlich anfangen solle. Nach dem Vorbild von Gerald1502 (Versicherungen) und Ramstein (ETFs) erstelle ich deshalb hier einen Leitfaden zum Investieren in Aktien. Von einem "Kochbuch" kann man wohl schlecht sprechen und ich maße mir auch nicht an, eine "endgültige" Patenlösung für die Aktienanlage zu kennen, geschweige denn vorgeben zu können. Jeder Anleger hat unterschiedliche Risikoneigungen, Anlagehorizonte, Erwartungen an die Zukunft etc. Allerdings möchte ich mit diesem Leitfaden eine Hilfestellung geben, was beim Umgang mit Aktien unter anderem zu beachten ist. Aus Gründen der Übersichtlichkeit ist dieser Thread geschlossen. Ich freue mich jedoch ausdrücklich über konstruktive Kritik und beantworte gerne Fragen! Eine Diskussion hierzu ist deshalb in diesem parallelen Thread möglich: http://www.wertpapie...ur-stockpicker/

 

_1. Warum sollte man in Aktien investieren?

 

_2. Wie kann man in Aktien investieren?

2.1 Aktive Fonds

2.2 ETFs (synthetische und voll replizierende)

2.3 Direktanlage in Aktien

2.3 ETFs vs. Direktanlage in Aktien

2.4 Weitere Anlagemöglichkeiten (Aktienanleihen, Aktienzertifikate, Aktienoptionen etc.)

 

_3. Börse und Wirtschaft

3.1 Wie verhält sich die Börse gegenüber der wirtschaftlichen Entwicklung?

3.2 Ablauf eines Börsenzyklus unter Berücksichtigung der Geldpolitik

3.3 Wie entsteht ein Aktienkurs an der Börse? (Börsenlogik)

 

_4. Erst der Markt, dann die Branche und erst dann eine konkrete Aktie (Top Down)

4.1 Zukunftsbranchen

4.2 Wachstumsbranchen

4.3 Reife Branchen

4.4 Auslaufbranchen

4.5 Screening bzw. Bottom Up statt Top Down

 

_5. Investmentstile

5.1 Growth

5.2 Value

5.3 Turnaround

5.4 Charttechnik

5.5 Dividenden

5.6 Standard- und Nebenwerte

5.7 Hausse und Baisse

5.8 Zyklik und Robustheit

5.9 aktiv und passiv

5.10 Trendfolge

5.11 Daytrading

 

_6. Kennzahlenanalyse

6.1 EPS und KGV

6.2 Buchwert und KBV

6.3 Eigenkapitalquote

6.4 Eigenkapitalrendite

6.5 Gesamtkapitalrendite

6.6 Umsatz und Umsatzrendite

6.7 Free Cashflow

6.8 Dividende, Ausschüttungsquote, Quellensteuer und Aktienrückkäufe

6.9 Wachstum

 

_7. Soft Skills

7.1 Geschäftsmodell

7.2 Wettbewerbssituation

7.3 Forschung und Entwicklung

7.4 innere Diversifizierung

7.5 Markenimage und Marketing

7.6 Hauptaktionäre

7.7 Management

7.8 Währungen

 

_8. Informationsquellen

8.1 Bücher

8.2 Geschäftsberichte bzw. Investor Relations

8.3 Finanzzeitschriften (kostenlos und gebührenpflichtig)

8.4 Tageszeitungen und Online-Nachrichtendienste

8.5 Analystenschätzungen

8.6 Branchenstudien

8.7 Finanzforen und Finanzblogs

8.8 Weitere Informationsquellen

 

_9. Börsenteilnehmer

9.1 Broker

9.2 Finanziers

9.3 Geldverwalter

9.4 Arbitrageure

9.5 Daytrader

9.6 Anleger

9.7 Spekulanten

 

10. Weiterführende Links

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Geschrieben · bearbeitet von Schildkröte

1. Warum sollte man in Aktien investieren?

 

Tja, vielleicht sollte man sich zunächst erstmal die Frage stellen, ob man überhaupt investieren soll und wenn ja, wie eigentlich. Wir Deutschen gelten allgemein ja als vorbildliche Sparer. Dumm nur, dass im gegenwärtigen Zeitalter der anhaltenden Niedrigzinsen klassische festverzinsliche Sparprodukte kaum noch was abwerfen. In Anlehnung an Max Otte´s Aussage "Investieren statt sparen" stellen Aktien deshalb eine Möglichkeit dar, sein Geld zu investieren. Natürlich gibt es noch weitere Investitionsmöglichkeiten:

 

- Anleihen,

- Immobilen,

- Devisen,

- Rohstoffe,

- Bildung uvm.

 

Letzteres mag für manche überraschend klingen. Nun, Investitionen in sich selbst bzw. in die eigene Bildung können nie verkehrt sein. Mit einer soliden Ausbildung bzw. einer sinnvollen Weiterbildung kann man im Berufsleben entspr. mehr Geld verdienen. Näher möchte ich auf die o. g. Investitionsmöglichkeiten hier jedoch nicht eingehen. Zumindest wollte ich sie aber der Vollständigkeit halber erwähnt haben. Der Schwerpunkt soll stattdessen nachfolgend ganz klar bei Aktien liegen.

 

Aktien haben in Deutschland leider einen schweren Stand. Dabei stellen sie Beteiligungen an realen Unternehmen und somit Sachwerte mit einem gewissen Inflationsschutz dar. Mit Aktien können Anleger also an der wirtschaftlichen Entwicklung partizipieren. Natürlich sind Aktien nicht ganz unriskant. Doch wo Risiken sind, sind in der Regel auch Chancen. Wichtig ist, dass Chance und Risiko in einem möglichst angemessenen Verhältnis zueinander stehen. Inwieweit bei der Investition in Aktien Chancen optimiert und Risiken begrenzt werden können, dazu versucht dieser Leitfaden eine Hilfestellung zu sein.

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Geschrieben · bearbeitet von Schildkröte

2. Wie kann man in Aktien investieren?

Ist die Entscheidung erstmal gefallen, Geld zu investieren und dieses mit Aktien zu tun, stellt sich natürlich als nächstes die Frage, wie genau. Nun, zunächst muss man mit sich abklären, ob man sich wirklich an Einzelwerte rantraut oder vielleicht doch das Risiko bündelt und stattdessen auf Fonds setzt, bei denen das Ausfallrisiko einzelner der darin enthaltenen Positionen in der Regel vernachlässigbar ist. Dieser Leitfaden soll zwar letztlich eine Einstiegshilfe zum Picken einzelner Aktien sein. Für nicht wenige ist es jedoch ratsamer auf Fonds zu setzen. Diesbezüglich gibt es eigentlich schon an anderer Stelle im Forum reichlich Lektüre, aber auch ich möchte zunächst nochmal an dieser Stelle darauf eingehen. Und wer weiß, vielleicht setzt der eine oder die andere ja sogar auf Fonds bzw. ETFs und mischt diesen einzelne Aktien bei. Das Investieren in Fonds kann schließlich auch ein Einstieg zum späteren Investieren in Einzelwerte sein. Aber immer der Reihe nach. Abschließend werde ich in diesem Kapitel noch kurz auf alternative Möglichkeiten zu Fonds und Einzelwerten eingehen, mit denen man ebenfalls in Aktien investieren kann.

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Geschrieben · bearbeitet von Schildkröte

2.1 Aktive Fonds

Wenn Otto Normalverbraucher in eine Bankfiliale geht und den Bankverkäufer äh pardon den Bankberater nach Anlagemöglichkeiten fragt, wird der Bankberater dem Kunden wahrscheinlich (unter anderem) aktive Fonds anbieten. Nicht nur im Bereich Aktien, sondern bestimmt auch für Anleihen, Immobilien etc. Was genau für Fonds der Bankberater seinen Kunden empfiehlt, sollte sich in erster Linie eigentlich nach den Anlagezielen und Risikoneigungen der Kunden richten. Leider kommt es jedoch viel zu oft vor, dass Bankberater lediglich Produkte "von der Stange" unters Volk bringen, je nachdem was gerade en vogue ist und welche Vertriebsvorgaben ihnen ihr Vorgesetzter momentan gibt: "Diese Woche wurden zwar schon so und so viele Bausparverträge vertickt, aber noch so und so wenig Lebensversicherungen? Ab an den Telefonhörer und gleich ein paar Kundentermine vereinbaren!"

Nun, wer sich bereits ein wenig im Forum eingelesen hat, weiß, dass aktive Fonds und Bankberater kein besonders großes Ansehen genießen und stattdessen ETFs bevorzugt werden. Bankberater bzw. die Finanzindustrie sind

daran. Wie in meiner obigen verbalen Spitze angedeutet, stecken sie halt in einer gewissen Zwickmühle. Gleichwohl sollte man es sich nicht zu einfach mit Bashing gegen ganze Berufsgruppen (Beamte, Lokführer usw.) machen und etwas genauer hinschauen. Eine Alternative zu provisionsorientierten Bankberatern können Honorarberater sein, die statt Abschlussprovisionen Beratungshonorare kassieren. Des Weiteren gibt es auch genügend Bankberater, die sehr wohl versuchen, ihren Kunden bedarfsgerechte Finanzprodukte anzubieten. Nach eingehender Lektüre des WPFs, sollte man allerdings selbst dazu in der Lage sein. Doch widmen mir uns nun erstmal aktiven Fonds.

Was kann man unter aktiven (und passiven) Fonds überhaupt verstehen? Ein Fonds (im pingeligen WPF bitte nicht verwechseln mit einem Fond...) sammelt Geld von Anlegern ein und investiert dieses breit gestreut. Getreu der Regel, nicht alle Eier in nur einen Korb zu legen. Gerade Kleinanleger verfügen oft lediglich über kleine Anlagesummen, welche unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten (Stichwort Transaktionsgebühren) nicht diversifiziert genug angelegt werden können. Hinzu kommt, dass Laien für gewöhnlich nicht über die Expertise verfügen, ihr Geld selbständig etragreich und mit angemessenem Risiko anzulegen. Diese Aufgabe übernimmt der Fondsmanager für sie. André Kostolany meinte in diesem Zusammenhang mal, Investmentfonds seien an der Börse im Prinzip Omnibusse für diejenigen, welche sich

leisten können. Aber auch vermögende Familien vertrauen ihre Gelder häufig Vermögensverwaltern an.

Das hört sich doch alles gut an. Jemand, der keine Ahnung von Geldanlage hat und/oder keine Lust hat, sich permanent um sein investiertes Geld zu kümmern, kann ganz entspannt die Füße auf den Tisch legen. Tja, so einfach ist es leider nicht. Selbst wenn der Bankberater einen guten Fonds empfohlen hat und der Fondsmanager kein Schindluder betreibt, gibt es noch etwas zu beachten: Wat nix koss, dat es och nix! Auf Hochdeutsch: Umsonst machen der Bankberater sowie der Fondsmanager ihre Arbeit mit Sicherheit nicht. Mit welchen Kosten muss der Anleger rechnen(?):

- Ausgebaeaufschlag (Agio)

- Verwaltungskosten (TER)

- Erfolgsprämie (Performance fee)

Der Ausgebaufschlag beträgt meist 5% bei Aktien- und Immobilienfonds sowie 3% bei Anleihefonds und wird direkt vom (regelmäßig) investierten Geldbetrag abgezogen. Wer also einen Aktienfonds mit monatlich 50€ bespart, muss sich vor Augen halten, dass davon lediglich 47,50€ tatsächlich in den Fonds eingezahlt werden. Der 5%ige Ausgabeaufschlag in Höhe von hier 2,50€ verbleibt bei der vermittelten Filialbank als (laufende!) Vermittlungsprovision. Über einen Fondsvermittler bzw. eine Direktbank lässt sich der Ausgabeaufschlag reduzieren oder gar ganz sparen. Die Filialbank wird wohl auf stur schalten, wenn man diesbezüglich nach einem Rabatt fragt. Aber fragen kostet bekanntlich nichts. Sofern der Bankberater einen guten Job gemacht hat, ist es allerdings auch fair, wenn er oder sie entspr. was vom Kuchen abkriegt.

Im Übrigen lässt sich der Ausgabeaufschlag auch noch folgendermaßen sparen: Man kauft die Fondsanteile nicht von der Fondsgesellschaft, sondern direkt über die Börse. Die Ordergebühren an der Börse sind ab einer gewissen Größenordnung deutlich niedriger als der Ausgabeaufschlag. Verkaufen tut man die Fondsanteile später jedoch nicht wieder über die Börse (wofür erneut Ordergebühren anfallen würden), sondern indem man diese kostenlos (!) an die Fondsgesellschaft zurückgibt. Für diesen Hinweis stehe ich jetzt wahrscheinlich bei ganz vielen Banken auf der schwarzen Liste sehr weit oben. biggrin.gif Hierbei ist natürlich zu prüfen, wie hoch ggf. der Spread zwischen dem Ausgabepreis der Fondsgesellschaft einerseits sowie dem aktuellen Geldkurs an der Börse andererseits ist und ob dieser Spread größer oder geringer als die entspr. Ordergebühr ist.

Auf lange Sicht viel mehr als der einmalige (!) Ausgabeaufschlag knabbern jedoch die laufenden (!!) Verwaltungskosten aufgrund des Zinsezinseffektes an der Performance. Die Verwaltungskosten liegen bei aktiven Aktienfonds meist bei 1,x%, manchmal sogar über 2%. Bei ETFs hingegen liegt die TER gerade mal bei 0,x%. Wenn man den Bankberater gezielt darauf anspricht (von selbst wird er es wohl kaum tun), wird er bestimmt damit argumentieren, dass mit den Verwaltungskosten die Fondsgesellschaft und der Fondsmanager (also der Busfahrer) bezahlt werden. Erfahrene Foristi ahnen, was jetzt kommt...: whistling.gif

Leider ist es so, dass die überwiegende Mehrheit der Fondsmanager schlechter als der Markt bzw. ihr jeweiliger Vergleichsindex abschneidet (so, nun ist es raus - schlagt mich). happy.gif Und selbst wenn sie den Markt vor Kosten schlagen, wird diese leichte Mehrrendite durch die relativ hohen Verwaltungskosten oft wieder aufgressen. Ein Fondsmanager, der sein Geld wert ist, muss also dauerhaft (und nicht nur ab und zu mal) nach Kosten seinen Vergleichsindex schlagen. Diesbezüglich wies André Kostolany mal darauf hin, dass Fondsmanager letztlich nicht besser abschneiden als Hausfrauen, die ihre Aktien über Jahrzehnte halten und nicht anpacken. Hin und her macht Taschen leer. Man sollte sich die Performance (im Vergleich zu dessen Index) eines Fonds also mindestens für die letzten zehn Jahre anschauen. Bei entspr. Chartvergleichen drehen es sich allerdings sowohl Anhänger von aktiven Fonds als auch von ETFs nicht zu selten genau so hin, dass sie einen aktiven Fonds gut bzw. schlecht reden können.

 

Die Performance Fee ist ein zweischneidiges Schwert. Diese kann z. B. 25% von der Brutto-Mehrrendite gegenüber dem Vergleichsindex betragen (also noch weniger Netto-Rendite, siehe letzten Absatz). Befürworter verteidigen die Performance Fee damit, dass sie ein Anreiz für den Fondsmanager ist, eine Mehr-Rendite zu erwirtschaften und es bleibe doch immer noch genug beim Anleger über. Tja, einer möglichen Mehr-Rendite steht leider nicht selten entspr. mehr Risiko gegenüber. Um in einem Jahr mehr Rendite zu erwirtschaften, geht der Fondsmanager unter Umständen ein höheres Risiko ein, was dann in der Folge zu überdurchschnittlichen Kursverlusten führen kann. Diese Kursverluste darf der Anleger ganz alleine ausbaden.

 

Zu unterscheiden ist noch zwischen thesaurierenden und ausschüttenden Fonds. Letztere schütten einen Teil ihrer realisierten Kursgewinne bzw. Dividenden aus. Erstere behalten diese wiederum ein, was steuerlich vorteilhafter ist. Zu beachten ist des Weiteren, dass Fonds Sondervermögen darstellen. Im Falle einer Pleite der Fondsgesellschaft, bleibt das Sondervermögen (ganz im Gegensatz zu Zertifikaten etwa) also verschont. Abschließend könnte man auch noch hinzufügen, dass man börsennotierte Beteiligungsgesellschaften wie Berkshire Hathaway, Blackstone, KKR, Investor AB, Indus Holding, GESCO etc. ebenfalls als aktive Aktienfonds betrachten kann. Aber dazu später mehr.

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Geschrieben · bearbeitet von Schildkröte

2.2 ETFs (synthetische und voll replizierende)

 

Nachdem ich mich hier etwas skeptisch gegenüber aktiven Fonds geäußert habe, ist es an der Zeit, auf kostengünstige(re) ETFs näher einzugehen. ETFs, was sind das überhaupt? "ETF" steht für Exchange-traded fund, börsengehandelter Fonds. Auch wenn dieses Anlageprodukt in den letzten Jahren großen Zulauf bekommen hat, nicht nur im WPF, sind ETFs so neu nicht. Sogenannte Indexfonds wurden bereits in den 70er Jahren aufgelegt. Im letzten Abschnitt habe ich darauf hingewiesen, dass die meisten Fondsmanager auf lange Sicht ihren jeweiligen Vergleichsindex nicht schlagen und deshalb die hohen Gebühren von aktiven Fonds in der Regel nicht gerechtfertigt sind. Die simple Idee hinter Indexfonds bzw. ETFs ist deshalb ganz einfach einen Index nachzubauen und an dessen Entwicklung ohne große Umschichtungen zu partizipieren.

 

Indizes gibt es viele. Der älteste ist der Dow Jones, in dem die 30 größten börsennotierten Unternehmen der USA gelistet sind. Wesentlich umfangreicher ist der S&P 500, welcher die 500 größten börsennotierten Unternehmen der USA beherbergt. Nicht wenige Anleger unterliegen dem Home Bias. Deutsche Anleger denken deshalb oft als erstes an den DAX. Auch in diesem sind die 30 größten börsennotierten Unternehmen aus deutschen Landen gelistet. Für die Euro-Zone gibt es den EURO STOXX 50, für ganz Europa den STOXX Europe 50. Die Liste mit Leitindizes lässt sich beliebig fortsetzen. Daneben gibt es auch Nebenwerteindizes wie den MDAX und den SDAX sowie spezielle Indizes wie den TecDAX oder NASDAQ. Zu beachten ist, dass es sich bei den meisten Indizes um Kurs-Indizes handelt, welche lediglich die reine Kursentwicklung der Aktien ihrer Unternehmen nachzeichnen. Einige Indizes wie der DAX hingegen sind Performance-Indizes, welche zusätzlich die (theoretische) Reinvestition sämtlicher Dividenden berücksichtigen. Dieser Umstand ist bei Chartvergleichen (neben möglichen Währungsaspekten) unbedingt zu beachten. Unter Umständen vergleicht man sonst Äpfel mit Birnen.

 

Wie wird nun ein ETF gebildet? Die Überschrift weist darauf hin, dass es sowohl voll replizierende als auch synthetische ETFs gibt. Voll replizierende ETFs bilden einen Aktienindex mit den darin enthaltenen Aktien 1:1 nach, je nachdem wie diese gewichtet sind. Fliegt ein Unternehmen aus dem Index bzw. kommt ein neues hinzu, erfolgt diese Änderung auch umgehend im ETF. Umgehend, jedoch nicht sofort. Die entspr. zeitliche Verzögerung, die auf die Kursentwicklung vom ETF durchaus Einfluss hat, wird Tracking Error genannt. Der Tracking Error tritt auch bei der Reinvestition von Dividenden in Erscheinung und hat somit auf die Performance ebenfalls Einfluss. Kritiker von ETFs bzw. Befürworter von aktiven Fonds führen in diesem Zusammenhang übrigens an, dass Unternehmen erst dann in einen Index aufgenommen werden, wenn sie die besten Wachstumszeiten längst hinter sich haben. Genauso fliegen sie meist erst dann aus dem Index wieder raus, wenn es eigentlich schon zu spät ist. Anleger von ETFs bzw. generell Fonds müssen sich auf jeden Fall vor Augen führen, dass sie zwar das Einzelausfallrisiko deutlich minimieren, dafür allerdings nicht selten einige "Rohrkrepierer" mit sich rum schleppen, welche auf die Performance drücken.

 

Voll replizierende ETFs sind oft durch entspr. Namenszusätze wie FR oder DR als solche gekennzeichnet. In den meisten Fällen handelt es sich aber für gewöhnlich um synthetische ETFs. Synthetische ETFs bilden zwar ebenfalls einen Index ab, jedoch nicht direkt mit den darin enthaltenen Aktien. Stattdessen wird der Index über einen sog. Swap (Tausch) mit einem Swap-Partner nachgebildet. Meist sind die Swap-Partner die Mutterbanken der Fondsgesellschaften (etwa db X-trackers und Deutsche Bank, ComStage und Commerzbank etc.). Zwar stellen auch ETFs wie aktive Fonds Sondervermögen dar, beim Swap-Partner besteht allerdings ein zusätzliches Ausfallrisiko. Zwar wird dieses Risiko durch entspr. Sicherheitsleistungen abgesichert, aber dieses Risikos sollte man sich auf jeden Fall bewusst sein. Der zuvor genannte Tracking Error soll mithilfe von Swaps abgemildert werden.

 

So weit, so gut. Warum bin ich zunächst auf aktive Fonds und ETFs eingegangen, wenn es in diesem Leitfaden doch eigentlich um Aktien gehen soll? Zum einen lässt sich beides miteinander kombinieren. Zum anderen hat beides jeweils Vor- und Nachteile, auf welche ich nachfolgend näher eingehen möchte. Wer sich stattdessen (zunächst) intensiver mit ETFs beschäftigen will, dem empfehle ich den ETF-Leitfaden von Ramstein: http://www.wertpapie...depot-aufbauen/

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Geschrieben · bearbeitet von Schildkröte

2.3 Direktanlage in Aktien

Allmählich nähern wir uns dem Kernanliegen dieses Leitfadens, dem direkten Investierens in Einzelaktien. Wie bei der Einzelauswahl von Aktien vorgegangen werden kann bzw. was dabei zu beachten ist, darauf wird später noch ausführlich eingegangen. Zunächst sollte sich jeder Anlager jedoch erstmal die Frage stellen, warum er oder sie überhaupt in einzelne Aktien investieren sollte. Die Gründe dafür können jeweils recht unterschiedlich sein. Wichtig ist immer, rational und systematisch dabei zu agieren, auch wenn die Gefühle schon mal mit einem durchgehen können. Im Laufe seiner Anlegerkarriere wird jeder früher oder später Höhen sowie Tiefen durchmachen und dabei einiges durchstehen müssen. So kann man einiges über sich selbst erfahren. Auch wenn ich hier nicht weiter darauf eingehen werde, sollte sich jeder mit Börsenpsychologie bzw. Financial Behavior auseinandersetzen. Konkrete Gründe für die Direktanlage in Aktien werde ich im nächsten Beitrag aufführen und diesen Argumente bezüglich Fonds/ETFs gegenüberstellen. Des Weiteren werde ich dort das "ewige" Thema aktiv/passiv aufgreifen.

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Geschrieben · bearbeitet von Schildkröte

2.3 ETFs vs. Direktanlage in Aktien

Bisher habe ich in diesem Leitfaden sehr ausführlich Fonds bzw. ETFs erläutert. Nachfolgend werde ich mich schwerpunktmäßig der Direktanlage in Aktien widmen. Da jedoch für die meisten Privatanleger ETFs eher zu empfehlen sind bzw. eine Kombination verschiedener Anlageklassen sinnvoll ist, wollte ich auch nochmal auf ETFs näher eingehen. In diesem Abschnitt möchte ich nun die jeweiligen Vor- und Nachteile von ETFs und Einzelaktien nennen. Möge sich jede/r Leser/in selbst daraus ein Urteil bilden und entspr. Anlageentscheidungen treffen.

ETFs - pro & contra:

+ man schneidet nicht (bzw. kaum) schlechter als der Markt ab

+ kostengünstig im Vergleich zu aktiven Fonds

+ Investitionen in einen marktbreiten Index minimieren das Einzelausfallrisiko auf die gesamte Performance bezogen erheblich

- man schneidet nicht besser als der Markt ab

- man schleppt (nicht nur) einige Rohrkrepierer mit durch, welche auf die Performance drücken

- synthetische ETFs bergen nicht zu unterschätzende Risiken in sich (voll replizierende ETFs stellen eine Alternative dar)

 

Einzelaktien - pro & contra:

 

+ man ist Herr über sein eigenes Depot (quasi sein eigener Fondsmanager)

+ man ist direkt an realen Unternehmen beteiligt (Aktien stellen inflationsgeschützte Sachwerte dar)

+ im Gegensatz zu Fonds bzw. ETFs fallen überhaupt keine Verwaltungskosten an

+ die Beschäftigung mit Aktien im allgemeinen und einzelnen Unternehmen im speziellen ist auch intellektuell eine Herausforderung

+ im Gegensatz zu professionellen Fondsmanagern, Vermögensverwaltern etc. sind Privatanleger nicht gezwungen, Aktien bestimmter Unternehmen bei Schwächephasen nicht (sofort) zu verkaufen und können zwischenzeitliche Durststrecken so leichter durchstehen

+ durch gezieltes UND erfolgreiches Stockpicking kann man eine überdurchschnittliche Rendite erzielen und den Markt schlagen

 

- das Einzelausfallrisiko ist bei einem (konzentrierten bzw. nicht ausreichend diversifizierten) Einzelaktiendepot deutlich höher

- sich mit (sehr) vielen einzelnen Unternehmen (regelmäßig) zu beschäftigen, ist recht zeitintensiv

- sich mit einzelnen Unternehmen inkl. Bilanzen zu beschäftigen, ist für Laien bzw. Anfänger nicht gerade leicht

- gegenüber professionellen Marktteilnehmern sind private Anleger fachlich, zeitlich und insidermäßg im Nachteil

- private Anleger werden wie auch professionelle Fondsmanger, Vermögensverwalter usw. den Markt überwiegend nicht schlagen können

 

Ich hoffe, diese Aufstellung ist möglichst objektiv. Gleichwohl soll und kann sie nicht "definitiv" bzw. "endgültig" sein. Diesbezüglich diskutiert werden kann im entspr. Thread. Gerne werde ich dies Aufstellung ggf. überarbeiten und/oder ergänzen.

Nachtrag:

Ich habe zu diesem Unterpunkt einige interessante Anmerkungen anderer User erhalten. thumbsup.gif Auf das Thema Gebühren möchte ich hier eigentlich nicht weiter eingehen, da diese sowohl bei ETFs als auch bei Aktien (von bestimmten Sonderkonditionen bei einigen Brokern mal abgesehen) sich mehr oder weniger die Waage halten. Diese meines Erachtens nicht zu vernachlässigende Anmerkung von Schinzilord möchte ich Euch jedoch nicht vorenthalten:

 

Neben den Vollreplizierern gibt es auch in illiquideren Märkten (Stichwort EM) Teil-Replizierer.

Die verwenden Samplingmethoden, um unter Benutzung von Algorithmen (z.B. Faktormodelle) diejenigen Aktien herauszufiltern, welche die Wertentwicklung des Index am besten beschreiben und nahekommen.

Geringere Kosten stehen hier eine potentiell größerer Tracking Error gegenüber.

 

Der Einfachheit halber würde ich vorschlagen, du unterscheidest nur zwischen Replizieren und SWAP-ETFs. Sonst artet das aus und du kommst vom 100. ins 1000. :)

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Geschrieben · bearbeitet von Schildkröte

2.4 Weitere Anlagemöglichkeiten (Aktienanleihen, Aktienzertifikate, Aktienoptionen etc.)

 

In diesem Kapitel wurde recht ausführlich auf die Anlage in Aktien über Einzelwerte sowie Fonds/ETFs eingegangen. Darüber hinaus gibt es noch einige weitere Möglichkeiten, welche hier nachfolgend abschließend genannt und kurz erläutert werden sollen. Ich gehe jedoch lediglich der Vollständigkeit halber darauf ein, damit LeserInnen dieses Leitfadens zumindest wissen, dass es weitere Anlagemöglichkeiten gibt und sich ggf. entspr. weiter einlesen können. Wer sich allerdings intensiver damit beschäftigen möchte, den/die verweise ich an externe, weiterführende Quellen.

 

2.4.1 Aktienanleihen

 

Bei einer Aktienanleihe (auch Aktienandienungsanleihe, engl. reverse convertible bond oder equity linked bond) handelt es sich um ein strukturiertes Finanzprodukt. Ihr wichtigstes Ausstattungsmerkmal ist, dass der Emittent am Ende der Laufzeit das Recht hat, entweder den Nominalbetrag zu 100 % zurückzuzahlen oder eine bestimmte Anzahl an (vorher festgelegten) Aktien zu liefern. Zusätzlich erhält der Anleger während der Laufzeit eine oder mehrere Kuponzahlungen. Der Kupon ist in der Regel deutlich höher als bei einer herkömmlichen Anleihe.Ist der Basiswert eine Aktie, spricht man von einer Aktienanleihe. Ist die Rückzahlung abhängig von der Entwicklung eines Index (z. B. des DAX), handelt es sich um eine Indexanleihe.

 

Aktienanleihen sind aus Sicht des Emittenten Instrumente zur Kapitalbeschaffung und gleichzeitig zur Kurssicherung, für den Anleger sind sie Kapitalanlagen mit hohem Zinssatz und mit hohem Verlustrisiko.

Quelle: http://de.wikipedia....i/Aktienanleihe

 

2.4.2 Wandelanleihen

 

Eine Wandelanleihe (auch Wandelschuldverschreibung, Wandelobligation, engl. convertible bond) ist ein von einer Anteilsgesellschaft ausgegebenes und in der Regel mit einem Nominalzins ausgestattetes verzinsliches Wertpapier, das dem Inhaber das Recht einräumt, es während einer Wandlungsfrist zu einem vorher festgelegten Verhältnis in Aktien einzutauschen.
Quelle: http://de.wikipedia....i/Wandelanleihe

 

2.4.3 Aktienzertifikate

 

Zertifikate, nicht nur auf Aktien, haben seit der Krise im Zusammenhang mit Lehman einen faden Beigeschmack. Doch was sind das überhaupt? Es handelt sich dabei um sog. Hinterlegungsscheine:

 

Um eine Aktie auch im Ausland handelbar zu machen, ohne diese dort zulassen zu müssen, werden Hinterlegungsscheine als Zertifikate emittiert. Dabei agieren Investmentbanken meist als intermediäre Handelspartner. Während im Heimatland einer gelisteten Aktiengesellschaft von der Bank Aktien gekauft und bei einer Depotbank gelagert werden, werden im Ausland von der Bank Hinterlegungsscheine unter dem jeweiligen Landesrecht emittiert.

Der Käufer eines Hinterlegungsscheins erwirbt dadurch quasi das Recht, den Hinterlegungsschein jederzeit gegen die entsprechende Menge hinterlegter Aktien eintauschen zu können.

Quelle: http://de.wikipedia....erlegungsschein

 

Ein Beispiel für Aktienzertifikate sind etwa sog. ADRs:

 

Als American Depositary Receipt (ADR, oft auch American Depository Receipt oder American Depositary Share) werden auf Dollar lautende, von US-amerikanischen Depotbanken (depositary banks) in den USA ausgegebene Aktienzertifikate bzw. Hinterlegungsscheine bezeichnet, die eine bestimmte Anzahl hinterlegter Aktien eines ausländischen Unternehmens verkörpern und an ihrer Stelle am US-Kapitalmarkt wie Aktien gehandelt werden.
Quelle: http://de.wikipedia....ositary_Receipt

 

Anleger müssen sich der Tatsache bewusst sein, dass Zertifikate Inhaberschuldverschreibungen sind. Zwar korrelieren die Zertifikate auf Aktien mit der entspr. Aktie. Aber wenn der Herausgeber eines Zertifikates über die Wupper geht, dann hat der Käufer des Zertifikates das Nachsehen, obwohl es dem börsennotierten Unternehmen hinter der jeweiligen Aktie ggf. durchaus auch weiterhin blendend geht. Ein Vorteil von Aktienzertifikaten kann zum Beispiel sein, dass man unter Umständen Ärger mit Quellensteuern vermeiden kann. Darüber hinaus gilt es, bei konkreten Anlageentscheidungen sehr genau hinzusehen. Banken sprechen in diesem Zusammenhang gerne von "Strukturierten Finanzprodukten".

 

2.4.4 Optionen

 

Eine Option bezeichnet in der Wirtschaft ein Recht, eine bestimmte Sache zu einem späteren Zeitpunkt zu einem vereinbarten Preis zu kaufen oder zu verkaufen. Deshalb wird sie auch als bedingtes Termingeschäft bezeichnet. Es handelt sich ausdrücklich um ein Recht und um keine Pflicht, d. h. der Optionsinhaber, der die Option zu einem bestimmten Preis (Prämie) vom Stillhalter (Optionsverkäufer) gekauft hat, entscheidet einseitig, ob er die Option gegen den Stillhalter ausübt oder die Option verfallen lässt. Eine große Bedeutung haben Optionen im Bereich der Finanzgeschäfte.
Quelle: http://de.wikipedia....ion_(Wirtschaft)

 

Mit Optionen ist es möglich, einzelne Aktien gegen Kursverluste abzusichern. Das ist jedoch nicht billig, drückt also gebührentechnisch auf die Performance.

 

2.4.5 Optionsscheine

 

Im Gegensatz zu börsengehandelten Optionen oder OTC-Optionen eignen sich Optionsscheine auch für den Vertrieb am Retail-Markt, denn sie können in kleineren Losgrößen gehandelt werden. Kauf- und Verkauforder für Optionsscheine können – genauso wie bei Aktien – durch Angabe der Wertpapierkennnummern in einem Ordersystem beauftragt werden. Ein Zugang zu einer Terminbörse ist nicht erforderlich.
Quelle: http://de.wikipedia....i/Optionsschein

 

Im Forum kann man sich an anderer Stelle sehr gut mit Zertifikaten und Optionsscheinen sowie Optionen näher beschäftigen.

 

2.4.6 Nicht börsennotierte Aktiengesellschaften

 

Aufgrund eines entspr. Hinweises von IRRer-Zins möchte ich der Vollständigkeit halber erwähnen, dass nicht jede Aktiengesellschaft zwangläufig börsennotiert ist. Ein prominentes Beispiel für eine sog. "kleine AG" ist etwa die Mast-Jägermeister SE. Auch die von Stairway und Drella gegründete Fondsgesellschaft ProfitlichSchmidlin AG wird an keiner Börse gehandelt. Die kleine AG kann für Unternehmer eine Alternative zur GmbH sein. Zwar muss bei einer Aktiengesellschaft das Grundkapital bei mindestens 50.000€ liegen, während das Stammkapital einer GmbH lediglich mindestens 25.000€ betragen muss. Dafür können Aktien relativ einfach übertragen werden. Zur Übertragung von Gesellschafteranteilen hingegen ist ein Notarvertrag erforderlich. Für den "gewöhnlichen" Stockpicker spielen nicht börsennotierte AGs in der Regel wohl keine Rolle. Allerdings kann der eine oder andere unter Umständen ja mal ein entspr. Angebot erhalten, Aktien einer kleinen AG zu erwerben. Wichtig dabei ist, das Geschäftsmodell zu verstehen, die Geschäftsberichte zu lesen und den Beteiligten zu vertrauen. Hierfür kann dieser Leitfaden vielleicht eine Hilfe darstellen. Problematisch kann es jedoch werden, wenn die Aktien an einer solchen AG veräußert werden sollen. Kein Makler legt den Kurs fest. Stattdessen müssen Käufer und Verkäufer sich diesbezüglich untereinander einig werden. Ein "Zwitter" aus börsennotierten und nicht bösennotierten Unternehmen sind Kommanditgesellschaften auf Aktien (KGaA), bei denen Kleinaktionäre weniger Rechte haben (im DAX etwa Henkel und Merck).

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3. Börse und Wirtschaft

Viele setzen

miteinander gleich. Dies hat teils unterschiedliche Gründe. Zum einen berichtet die
über das aktuelle
und auch bei
werden die
von einer/m Reporter/in aus der
verkündet. Zum anderen werden in vielen regionalen Tageszeitungen die aktuellen Börsenkurse im Wirtschaftsteil placiert. In den überregionalen Tageszeitungen Die Welt und die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) gibt es jedoch jeweils sowohl einen Wirtschafts- als auch einen Finanzteil. Natürlich hängt das eine mit dem anderen zusammen bzw. beide korrelieren miteinander. Aber en détail gibt es doch schon bedeutende Unterschiede bzw. gewisse Dinge zu beachten. Hierauf möchte ich in diesem Kapitel nachfolgend näher eingehen.

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Geschrieben · bearbeitet von Schildkröte

3.1 Wie verhält sich die Börse gegenüber der wirtschaftlichen Entwicklung?

Wichtig für den Anleger zu wissen ist, dass Börse und Wirtschaft zyklischen Schwankungen unterliegen. Ebenfalls sollte er abschätzen, in welcher Phase des Zyklus sich die die Börse bzw. die Wirtschaft gerade befindet. Diese Frage ist sehr schwierig zu beantworten, obschon sich bereits zahlreiche Volkswirte, Fondsmanager etc. entspr. Mühe zu ihrer Beantwortung gegeben haben. Mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Ich selbst möchte in diesem Kapitel zumindest auf den Ablauf eines Börsen- und eines Wirtschaftszyklusses eingehen. Verlaufen beide synchron zueinander? Jein! André Kostolany verglich beide mal mit einem Sparziergänger (Wirtschaft) und dessen Hund (Börse). Langfristig gehen beide den selben Weg, kurz- und mittelfristig kann der Abstand zwischen beiden allerdings ziemlich groß sein. Für den Anleger lässt sich daraus ableiten, dass je kürzer sein Anlagehorizont ist, er umso mehr das gesamte Geschehen im Blick haben muss. Nur wer in Anlagezeiträumen von mehr als zwanzig Jahren denkt, kann nach Aussage von André Kostolany die genannten Zyklen außer Acht lassen. Lässt sich das so leicht pauschalisieren? Fakt ist, dass ein Wirtschafts- bzw. Konjunkturzyklus von folgenden Phasen geprägt ist:

 

- Aufschwungphasen (Expansion, Prosperität),

- Hochkonjunktur (Boom),

- Abschwungphasen (Rezession) und

- Tiefphasen (Depression).

Quelle: https://de.wikipedia...wiki/Konjunktur

 

Von der Konjunktur sind einige Branchen mehr, andere Branchen etwas und wiederum einige Branchen kaum abhängig. In besonderem Maße von der Konjunktur betroffen sind Extrem-Zykliker, wie zum Beispiel Rohstoff- und Stahlkonzerne sowie Autobauer. Weniger von der Konjunktur betroffen, aber trotzdem doch schon spürbar, sind Mittel-Zykliker. Hierzu zählen kann man beispielsweise Elektrokonzerne und Versicherungen. Nicht selten betrachtet "der Markt" Mittel-Zykliker als Extrem-Zykliker, was Anleger versuchen können, sich zu Nutze zu machen. Und dann gibt es auch noch Unternehmen, welche von der Konjunktur weitestgehend unabhängig sind. Etwa Nahrungsmittelhersteller und Gesundheitskonzerne. Klar, fr..... und sch..... müssen die Leute immer. Wobei Hersteller von lebensnotwichtigen bzw. guten Produkten nicht automatisch lohnenswerte bzw. profitable Investments darstellen müssen. Ganz gefeit sind Gesundheitskonzerne übrigens nicht von der Konjunktur: Sie sind unter anderem auf staatliche Ausgaben angewiesen. Geht es der Wirtschaft schlecht, hat der Staat weniger Steuereinnahmen und kürzt deshalb eventuell Ausgaben im Gesundheitsbereich. Das waren erstmal nur einige exemplarische Beispiele. Wichtig zu beachten ist, dass auf kurze Sicht infolge eines Chrashes des gesamten Marktes auch Aktien von weniger und nicht zyklischen Branchen kurstechnisch nachgeben, während im Laufe eines Boomes vom Gesamtmarkt auch nicht so tolle einzelne Aktien im Kurs anziehen. Auf lange Sicht deckt sich ein Aktienkurs für gewöhnlich jedoch mit der wirtschaftlichen Entwicklung des dahinter stehenden Unternehmens. Im folgenden Abschnitt möchte ich darauf eingehen, inwieweit Wirtschaft und Geldpolitik Einfluss auf den Börsenzyklus nehmen.

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3.2 Ablauf eines Börsenzyklus unter Berücksichtigung der Geldpolitik

 

André Kostolany beschrieb den Ablauf eines Börsenzyklus anhand vom "Ei des Kostolany". Nach Aussage von André Kostolany zeichnet sich ein Börsenzyklus anhand folgender Phasen aus:

 

A1: Phase der Korrektur (kleiner Umsatz, Zahl der Aktienbesitzer gering)

 

A2: Phase der Begleitung (Umsatz und Zahl der Aktienbesitzer steigend)

 

A3: Phase der Übertreibung (Umsazu wird euphorisch, Zahl der Aktienbesitzer ist hoch,bei X am höchsten)

 

B1: Phase der Korrektur (kleiner Umsatz, Zahl der Aktienbesitzer geht langsam zurück)

 

B2: Phase der Begleitung (Umsatz ist steigend, Zahl der Aktienbesitzer nimmt weiter ab)

 

B3: Phase der Übertreibung (ganz großer Umsatz, Zahl der Aktienbesitzer ist niedrig, bei Y am niedrigsten)

Quelle: http://www.gevestor....-sie-84167.html

 

In seinem (letzten) Buch "Die Kunst über Geld nachzudenken" erläuterte André Kostolany sein Ei des Kostolany anhand des Börsenzyklus von 1982 bis 1987. Beginnend bei einem Crash, liegen die Aktienkurse zunächst völlig ausgebombt am Boden. Auch wenn dies fundamental nicht selten im negativen Sinne überzogen ist, geht es der Wirtschaft erstmal schlecht. In diesem Zusammenhang senken die Notenbanken den Leitzins. Von der Theorie her sollen niedrige Zinsen die Aufnahme von Krediten günstig machen und so die Wirtschaft ankurbeln. In der Praxis sind die Unternehmen in und unmittelbar nach einer Krise aus nachvollziehbaren Gründen allerdings erstmal nur bedingt dazu bereit, Geld in die Hand zu nehmen. Stattdessen wandert billiges Geld als erstes an die Börse. Während in einem Crash Aktien oft völlig ausgebombt werden, sorgen erste Aktienkäufe dafür, dass sich diese kurstechnisch wieder einem angemessenen Niveau nähern. Für gewöhnlich nimmt die Börse die realwirtschaftliche meist schon vorweg. Wenn es mit der Wirtschaft allmählich wieder aufwärts geht, werden die Aktienkurse entspr. weiter steigen. Solange die Wirtschaft "ausgewogen" wächst, werden die Notenbanken von finanzpolitischen Maßnahmen in der Regel absehen.

 

Steigende Kurse locken weitere Anleger an, welche die Kurse jeweils noch weiter in die Höhe treiben. Nicht selten kommt es dann zu einer sog. "Milchmädchen-Hausse". Vom Klischee her soll man Aktien spätestens dann verkaufen, wenn Aktien in der Boulevardpresse hochgejubelt werden, wie es etwa im Neuen Markt der Fall war. Der Markt kann allerdings schon wesentlich früher überhitzt und ein Ausstieg deshalb ratsam sein. Wenn die Wirtschaft anfängt zu brummen, werden Unternehmer viel eher bereit sein, Kredite aufzunehmen und zu investieren. Problematisch wird es, wenn insgesamt zu viel produziert wird und das Angebot so zu hoch wird bzw. nicht auf eine ausreichend hohe Nachfrage trifft. Dieser Umstand verschärft sich, wenn die Nachfrage wegbricht, weil der Markt schlichtweg gesättigt ist. Der Wirtschaftszyklus läuft im Zuge der Überproduktion heiß. In dieser Phase setzen Gewerkschaften (sehr) hohe Lohnerhöhungen durch, schließlich sollen die Arbeitnehmer an der (noch) florierenden Wirtschaftsentwicklung teilhaben. Die Lohnerhöhungen führen dann wiederum zu höheren Preisen, was erneut zu höheren Lohnforderungen der Gewerkschaften führt. Kurzum, es kommt zu inflationären Tendenzen. Wenn die Inflation aus dem Ruder zu laufen droht, werden die Notenbanken die Leitzinsen wieder erhöhen.

 

Nicht nur Unternehmer nehmen Kredite für Investitionen auf. Nein, auch viele Anleger nehmen Kredite auf, um Aktien auf Pump zu kaufen. Letzteren erweisen die Notenbanken durch eine Erhöhung der Leitzinsen sprichwörtlich einen Bärendienst. Hinzu kommt, dass bei steigenden Zinsen Anleihen bzw. festverzinsliche Wertpapiere wieder attraktiver werden. Diese gelten im Vergleich zu Aktien als weniger riskant. Wenn ich mir die aktuelle Situation anschaue ("Dividenden sind der neue Zins!"), werden insbesondere Inhaber von Dividenden(wachstums)aktien bald eines besseren belehrt werden. Jedenfalls entziehen höhere Zinsen dem Aktienmarkt Liquidität, was zu fallenden Kursen führt. Es kann durchaus auch lediglich zu einer "gesunden" Korrektur kommen, obwohl der bullige Aufwärtstrend noch intakt ist. Wenn aber irgendwann die Fundamentaldaten jenseits von gut und böse sind sowie die Realwirtschaft in eine Rezession fällt, dann ist ein Crash am Aktienmarkt früher oder später unvermeidlich. Der Crash wird umso heftiger ausfallen, desto überhitzter der Markt vorher war. Früher oder später wird der Markt aber einen "Boden" gefunden haben und das Spielchen beginnt wieder von vorn. Die Umsätze an der Börse sind ein hilfreicher Indikator.

 

Die hier gemachten Ausführungen sind sehr theoretisch. So senkte beispielsweise das US-amerikanische Fed den Leitzins bereits 2007, der Börsencrash folgte allerdings erst ein Jahr später. In der gegenwärtigen Situation haben wir es mit einem anhaltenden historischen Zinstief zu tun. Wie schon erwähnt, versuchen die Notenbanken durch niedrige Leitzinsen die Kreditvergabe und somit die Konjunktur anzukurbeln. Nun, es ist zu unterscheiden zwischen kurz- und langfristigen Zinsen. Die kurzfristigen Zinsen werden maßgeblich beeinflusst durch die Leitzinsen der Notenbanken. Die langfristigen Zinsen werden hingegen ganz einfach durch Angebot und Nachfrage bestimmt. Durch die massiven Anleihekäufe von den Notenbanken ist die Nachfrage entspr. hoch und die Rendite langfristiger Zinspapiere ergo niedrig. Somit ist die Zinsspanne zwischen kurz- und langfristigen Zinsen ziemlich mickrig, wie es Ken Fisher immer wieder betont. Eine möglichst hohe Zinsspanne macht die Vergabe von Krediten allerdings überhaupt erst attraktiv. Eben (auch) deswegen haben Kreditbanken nur bedingt ein Interesse daran, Kredite zu vergeben, da sie bei zu kleinen Zinsspannen nicht genügend Geld verdienen. Die Notenbanken sind also nicht ganz schuldlos, dass eine höhere Kreditvergabe zur Stimulierung der Konjunktur immer noch nicht so recht zustande kommt. Die so gedrückten langfristigen Zinsen sollen es maroden Staaten ermöglichen, sich günstig Kapital zur Staatsfinanzierung zu beschaffen. Höhere Zinsen wären Gift für Krisenstaaten.

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3.3 Wie entsteht ein Aktienkurs an der Börse? (Börsenlogik)

 

Auf die technischen Details, wie ein Aktienkurs durch einen Kursmakler bzw. heutzutage zunehmend durch technische Systeme bestimmt wird, möchte ich hier nicht näher eingehen. Es gibt zig Computerpogramme bzw. Rechenmodelle, welche versuchen Aktienkurse präzise zu ermitteln. Wenn das so einfach wäre, bräuchte es eigentlich keine Börse mehr zu geben. Sicher lässt sich nach verschiedenen Kriterien abschätzen, ob ein Wertpapier unter- oder überbewertet ist. Wo jedoch der faire Wert eines Wertpapieres liegt, diesbezüglich haben die vielen verschiedenen Börsenteilnehmer jeweils unterschiedliche Auffassungen. Je nachdem, was sie für einen Anlagehorizont, Chance/Risiko-Profil, Investmentstil, Auswahlprinzipien etc. haben. Es genügt zu wissen, dass der Kurs eines Wertpapieres im wesentlichen abhängig ist von Angebot und Nachfrage. Ist die Nachfrage höher als das Angebot, steigt der Kurs. Ist die Nachfrage geringer als das Angebot, sinkt der Kurs. Halten sich Nachfrage und Angebot in der Waage, bleibt der Kurs mehr oder weniger konstant.

 

Auch sollte man sich bewusst sein, dass frei verfügbare Informationen sowie Erwartungshaltungen im Kurs bereits eingepreist sind. Immer wieder kommt es zu der Fragestellung, warum eine Aktie im Kurs gefallen ist, obwohl für das abgelaufene Quartal oder Geschäftsjahr gute Ergebnisse verkündet wurden bzw. genau anders herum. Nun, wenn genau die Unternehmensergebnisse bekanntgegeben wurden, welche Analysten erwartet hatten, wird sich der Aktienkurs des Unternehmens kaum verändern. Fielen die Ergebnisse jedoch besser als erwartet aus, wird der Kurs entspr. steigen. Fielen sie zwar gut, aber schlechter als erwartet aus, wird der Kurs eben sinken. Genauso kann ein Kurs trotz schlechter Ergebnisse steigen, falls die Ergebnisse nicht so schlecht wie zunächst erwartet ausfallen. Sind die Ergebnisse hingegen noch schlechter als ursprünglich erwartet, wird der Kurs umso mehr fallen.

 

Manchmal verhält sich ein Aktienkurs konträr zum Markt und zu den allgemein zugänglichen Nachrichten. Möglicherweise verfügt dann jemand über Informationen, welche andere nicht haben. Vielleicht trennt sich jemand von einem größeren Aktienpaket, weil er weiß, dass in Kürze äußerst beunruhigende Meldungen über den Ticker laufen werden, etwa eine Gewinnwarnung. Das nennt sich Insiderhandel. Eventuell kauft aber auch jemand systematisch Aktien auf, um eine Firmenübernahme in die Wege zu leiten. Das alles liegt dann schon im Bereich der Spekulation, wo professionelle Anleger gegenüber Privatanlegern ganz klar einen Wissensvorsprung haben.

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4. Erst der Markt, dann die Branche und erst dann eine konkrete Aktie (Top Down)

 

Kommen wir allmählich zur konkreten Auswahl einzelner Aktien bzw. potenzieller Kandidaten für einen Aktienkauf. Bevor man sich drauf macht, ein Unternehmen anhand bestimmter Kennzahlen fundamental zu analysieren, muss man sich erstmal auf die Suche nach diesen begeben. Wie kann man dabei vorgehen? Ich stelle an dieser Stelle mal vier Möglichkeiten in den Raum:

 

- Man "stolpert" über ein Unternehmen (etwa aufgrund einer Erwähnung in den Medien) und schaut sich dessen Aktie daraufhin näher ein.

- Man erhält einen "heißen Tipp", dass man sich eine bestimmte Investment-Chance auf gar keinen Fall entgehen lassen sollte.

- Ein Screener "spuckt" einem ein Unternehmen aufgrund bestimmter Kriterien aus. (Bottom Up)

- Getreu dem Motto "Vom Großen ins Kleine" hält man systematisch Ausschau nach interessanten Aktien.

 

Ersteres passiert einem Anleger recht häufig. In den Nachrichten wird davon berichtet, dass Unternehmen xy gerade ein bahnbrechendes Produkt auf den Markt bringt. Oder in einem Finanzportal wird eine spezielle Aktie vorgestellt bzw. besprochen. Selbst wenn man zu dem Ergebnis kommt, dass die Aktie sich (gegenwärtig) nicht für ein Investment eignet, kann es sehr lehrreich (und ggf. später lohnenswert) sein, sich immer wieder mit Aktien einzelner Unternehmen auseinanderzusetzen.

 

Mit konkreten Anlageempfehlungen sollte man unbedingt kritisch umgehen. Nicht selten verfolgen Autoren von Finanznachrichten bzw. sog. Börsenexperten eigene Interessen, wenn sie bestimmte zum Kauf Aktien empfehlen. In der Vergangenheit kam es immer wieder vor, dass sich Autoren mit marktengen Aktien eindeckten, diese in den Himmel lobten, so die Kurse pushten und dann bei Höchstkursen Kasse machten. Anschließend machten die Aktien einen Abflug gen Süden und die Anleger hatten das Nachsehen.

 

Screener erfreuen sich großer Beliebtheit. Ich rate jedoch dringend davon ab, deren Ergebnissen "blind" zu vertrauen. Jeder Screener selektiert jeweils nach anderen Kriterien Aktien. Anleger sollten auf jeden Fall überprüfen, wie ein Screener Aktien selektiert und ob dessen Auswahlschema zum eigenen Anlagestil passt. Zur groben Vorauswahl kann ein Screener durchaus sinnvoll sein. Vor einem tatsächlichen Aktienkauf sollte man allerdings auf jeden Fall nochmal genauer hinschauen. Hierfür kann dieser Leitfaden als Hilfestellung dienen. Im Kapitel 4.5 gehe ich noch etwas näher auf den Bottom Up - Ansatz ein.

 

Zunächst möchte ich mich jedoch dem Top Down - Ansatz widmen. Ein Anleger kann sich zunächst erstmal die Frage stellen, in welchen Ländern und Branchen er überhaupt investieren will. Die Länderauswahl wird meines Erachtens dabei allerdings überbewertet. Aus (quellen-)steuertechnischer und ggf. auch juristischer Sicht (handelt es sich um einen Rechtsstaat?) spielen Überlegungen hinsichtlich einzelner Länder natürlich sehr wohl eine wichtige Rolle. Viel entscheidender als der Sitz eines Unternehmens ist jedoch, in welchen Währungsräumen es sein Geld verdient und ob bzw. wie es ggf. Fremdwährungsrisiken absichert (etwa durch Derivate).

 

Die Bedeutung einzelner Branchen kann hingegen gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Möchte man vor allem breit über alle Branchen streuen oder sich vielleicht nur auf einige wenige Branchen konzentrieren? In jedem Fall gilt es, in jeder Branche sich die jeweils besten Branchenvertreter herauszupicken. Das muss nicht zwangsläufig der Branchenprimus sein. Die Nr. 2 der Branche kann durchaus ein lohnenswerteres Investment als die Nr. 1 sein, wenn sie unterbewertet und/oder wachstumsstärker ist. Das kann für aussichtsreiche Nebenwerte genauso gelten.

 

Auf die vielen verschiedenen Branchen (Finanzen, Konsumgüter, Industrie, Gesundheit, Rohstoffe etc.) hier im Detail einzugehen, würde eindeutig den Rahmen sprengen. Allerdings möchte ich nachfolgend auf die verschiedenen Phasen, vom anfänglichen Wachstum bis hin zur späteren Sättigung, eingehen, welche verschiedene Branchen durchlaufen (können). Wie man sich aus verschiedenen Branchen Unternehmen herauspickt, dazu kann dieser Leitfaden eine Hilfestellung sein. Die Fragen, in welcher Phase sich eine Branche gerade befindet und welche Branche bzw. Phase einem liegt, muss jedoch Anleger für sich selbst beantworten. Ich grenze die verschiedenen Phasen von Branchen nachfolgend wie folgt voneinander ab:

 

- Zukunftsbranchen

- Wachstumsbranchen

- Reife Branchen

- Auslaufbranchen

 

Häufig werden Zukunfts- und Wachstumsbranchen einander gleichgesetzt. Nun, die Übergänge zwischen den einzelnen Phasen sind natürlich jeweils fließend. Auch reife Branchen können durchaus noch wachsen, wenngleich nicht mehr so stark wie in früheren Zeiten. Um Anlegern eine etwas differenziertere Betrachtungsweise darzulegen, grenze ich die verschiedenen Phasen etwas feiner voneinander ab.

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4.1 Zukunftsbranchen

Wer träumt nicht davon, die nächste Google im Depot zu haben? Eine Aktie, welche sich auf Sicht von 5 oder 10 Jahren im Kurs verfielfachen, ja vielleicht sogar verhundertfachen kann? Wahrscheinlich viele. Die Gretchenfrage dabei ist nur, wie man solche Wachstumsraketen ausfindig machen kann? Wachstumsstarke Unternehmen, welche um 10% und "etwas" mehr jährlich wachsen, findet man nicht wenige an der Börse. Doch dazu mehr im nächsten Abschnitt. "Ganz besonders" wachstumsstarke Unternehmen zu entdecken, ist jedoch ziemlich schwierig, wenn nicht gar Glückssache und überaus riskant. Für gewöhnlich beginnt eine Wachstumsstory mit einer bahnbrechenden Erfindung bzw. Entwicklung. Im 19. Jahrhundert waren das beispielsweise die Dampfmaschine und die Eisenbahnen, im 20. Jahrhundert die IT-Branche, um die Jahrtausendwende das Internet und zuletzt die Biotechnologie sowie die Solarindustrie.

 

Welches wohl die nächste(n) Wachstumsbranche(n) sein wird/werden? Das weiß wohl kaum jemand. Entscheidend ist, sich diesbezüglich Gedanken zu machen und einen guten Riecher zu haben. Man muss sich jedoch klar vor Augen halten, dass es sich hierbei um Spekulation handelt, welche sich nicht für jeden Anlegertyp eignet. Hierauf werde ich im letzten Kapitel näher eingehen. Hat ein Spekulant, vielleicht kennt er sich aufgrund seines Berufes ja mit der Branche ganz besonders gut aus, eine (mögliche) Zukunftsbranche als solche erkannt, gilt es, die aussichtsreich(st)en Kandidaten innerhalb dieser herauszufiltern. Handelt es sich um ein Start Up, welches an einem revolutionärem Medikament oder der Waffe der Zukunft forscht? Ein wenig Phantasie ist bestimmt nie verkehrt. Eine gewisse Skepsis allerdings ebenso.

 

Ich persönlich halte es für sehr viel Glück, den einen nächsten "Multibagger" zu erwischen. Die nächste Zukunftsbranche als solche zu erkennen, halte ich schon eher für möglich. Innerhalb dieser könnte man sich einen Korb mit mehreren aussichtsreichen Aktien zusammenstellen. Es wird jedoch früher oder später zu extrem vielen Unternehmenspleiten kommen. Als Laie dürfte es äußerst schwierig sein, in so einer frühen Phase die Spreu vom Weizen trennen zu können. Deshalb würde ich ggf. zu einem Fonds raten, welcher entspr. Crowdinvesting betreibt. Wenn der Fondsmanager sein Handwerk versteht, wird er zwar ebenfalls einige Rohrkrepierer erwischen, aber womöglich auch die künftigen Branchenführer. So ein Fonds, welcher potenziellen Firmengründern Wagniskapital zur Verfügung stellt und/oder bei bereits bestehenden Unternehmen einsteigt bzw. diese ganz übernimmt, kann sich eventuell auch für einen weniger risikobereiten Anleger als Beimischung anbieten.

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4.2 Wachstumsbranchen

 

Wie bereits im letzten Beitrag erwähnt, werden Zukunfts- und Wachstumsbranchen oft einander gleichgesetzt. Ich möchte diese jedoch etwas feiner voneinander abgrenzen. Während es recht schwierig ist, eine Zukunftsbranche als solche zu erkennen und es noch viel schwieriger ist, aus dieser aussichtsreiche Branchenvertreter herauszupicken, ist dies bei einer Wachstumsbranche nach meiner Auffassung schon um einiges leichter möglich. Der (fließende!) Übergang von der Zukunfts- zur Wachstumsbranche ist in etwa dann erfolgt, wenn deutlich wird, dass Produkte der Branche einen tatsächlichen Mehrwert darstellen. Bei den Unternehmen der Branche gab es bereits einige Konsolidierungswellen. Zum einen gehen Unternehmen, welche ihre Kinderkrankheiten nicht in den Griff kriegen, über die Wupper. Zum anderen bauen Unternehmen, welche innovativ(er) und/oder effizient(er) agieren, weiter ihre Marktposition aus. Letztere gilt es für Stockpicker ausfindig zu machen, da es sich voraussichtlich um die künftigen Branchenführer handelt. Der Kennzahlenanalyse werden wir uns später widmen. Es sei an dieser Stelle jedoch schon vorweggenommen, dass Wachstumswerte häufig nicht nach "gewöhnlichen" Kriterien selektiert werden können. Z. B. schreiben sie oft noch keine Gewinne und schütten auch keine bzw. lediglich geringe Dividenden aus, weil sämtliches Geld für weiteres Wachstum benötigt wird.

 

Wachstumsbranchen zeichnen sich nicht selten durch jährliche Wachstumsraten im höheren einstelligen bis niedrigen (unter Umständen sogar mittleren) zweistelligen Prozentbereich aus. Das kann natürlich nicht ewig funktionieren. Dieser Zustand kann allerdings durchaus mehrere Jahre anhalten. Wichtig zu beachten ist es aber, dass auch schwächere Branchenvertreter von dieser Erfolgswelle zunächst noch (kurstechnisch) mitgerissen werden, es jedoch früher oder später zu einer Ernüchterung kommen kann. Wer allerdings die "richtigen" Branchenvertreter "entdeckt", kann sich auf längere Sicht auf saftige Kurssteigerungen freuen. Wer davon überzeugt ist, dass es sich um eine Wachstumsbranche handelt, allerdings nicht die Branchenführer in spe herauszufiltern vermag, der setzt im Zweifelsfall besser auf entspr. Branchenfonds bzw. -ETFs.

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4.3 Reife Branchen

Wie schon erwähnt erfolgt der Übergang von einer Phase in die nächste zumeist fließend. Früher oder später schwächt sich das Wachstum ab. Jährliche Wachstumsraten im höheren einstelligen oder gar unteren zweistelligen Prozentbereich gehören dann der Vergangenheit an. Die Branche bzw. das Unternehmen hat den überdurchschnittlichen Wachstumspfad verlassen und ist jetzt "reif" geworden.

Warum ist ein gewisser Reifegrad erreicht? Nun, überdurchschnittliches Wachstum wird wie bereits angeschnitten für gewöhnlich durch ein neues bahnbrechendes Produkt generiert. Dieses neue Produkt gilt es in die große weite Welt hinauszutragen. Irgendwann ist der Markt jedoch weitestgehend abgedeckt. Dann kann weiteres Wachstum im Prinzip bloß noch dadurch erzielt werden, indem Konkurrenten Marktanteile abgeluchst werden. Oder man übernimmt Wettbewerber gleich ganz.

Während am Beginn eines Wachstumsprozesses zunächst noch viele Branchenvertreter präsent sind, sind infolge der vielen zwischenzeitlichen Wachstumssprünge und Rückschläge viele Branchenvertreter über die Wupper gegangen oder übernommen worden. Am Ende bleiben nur noch eine handvoll Unternehmen übrig, welche die Branche dominieren. Im Ölbereich etwa sind das ExxonMobil, Chevron, Royal Dutch Shell, BP, ConocoPhillips und Total. Im IT-Bereich wiederum kann man wohl IBM, Microsoft, Intel, Oracle, Cisco und SAP als solche Branchenführer benennen. Neben solchen branchenspezifischen Dickschiffen existieren in den meisten Fällen auch noch kleine Nischenanbieter, welche ebenfalls ein interessantes Investment darstellen können. Zulieferer (gerne wird in diesem Zusammenhang von "Schaufelherstellern" gesprochen) seien ebenfalls genannt.

Diese am Ende verbleibenden Branchengrößen haben den Markt im Prinzip unter sich aufgeteilt. Preisabsprachen sind zwar kartellrechtlich verboten, kommen in der Praxis jedoch immer wieder mal vor. Auch wenn gelegentlich der eine oder andere Branchenvertreter versucht, aus der Reihe zu tanzen - der zu verteilende Kuchen ist für die letztlich verbliebenen Branchenführer eigentlich groß genug. Ob ggf. weitere Konkurrenten zu einer erneuten Wettbewerbssituation führen können, ist von den Markteintrittsbarrieren der jeweilige Branche abhängig. Ich bevorzuge aus diesem Grunde Branchen mit einem gewissen Burggraben.

Für welche Anlegertypen eignen sich Aktien von Unternehmen aus reifen Branchen? Für Growth-Anleger womöglich nur bedingt. Das jährliche Wachstum dürfte sich nun im marktüblichen Bereich befinden, so dass marktbreite ETFs eine risikoärmere Alternative darstellen können. Inwieweit die Ergebnisse in dieser Marktphase noch gesteigert (bzw. verteidigt) werden können, ist unter anderem auch davon abhängig, ob ein Unternehmen über eine sog. Preissetzungsmacht verfügt, welche einen gewissen Inflationsschutz darstellt. Des Weiteren lassen sich die EPS mit Aktienrückkäufen selbst bei Stagnation steigern. Stattdessen könnten reife Unternehmen für Value-Anleger und Dividendenjäger lohnenswert sein.

 

Weil überdurchschnittlich hohe Wachstumsraten nunmehr der Vergangenheit angehören, notieren die Unternehmen zu einem wesentlich niedrigeren KGV als in früheren Zeiten. Unter Berücksichtigung der Ausschüttungsquote ist das KGV der Kehrwert der Dividendenrendite. Während Wachstumsunternehmen keine oder lediglich geringe Dividenden ausschütten, wissen reife Unternehmen oft nicht, was sie mit ihrem überschüssigen Geld tun sollen und geben es in Form von (jetzt höheren) Dividenden sowie Aktienrückkäufen an ihre Aktionäre weiter.

 

Wer es "langweilig" mag, der kann sich mit reifen Unternehmen anfreunden. Es ist jedoch je nach konkretem Einzelfall abzuschätzen, ob es die Branche bzw. das Unternehmen in fünf, zehn, fünfzehn Jahren noch (in der heutigen Form) geben wird oder ob es von bedeutenden Veränderungen betroffen sein könnte. Manche Branchen wurden irgendwann überflüssig. Hierauf gehe ich im nächsten Abschnitt ein. Nicht wenige Unternehmen haben es im Laufe ihrer Geschichte immer wieder geschafft, sich neu zu erfinden. American Express beispielsweise wurde einst als Logistikunternehmen (von den Herren Wells und Fargo) gegründet und ist heute einer der größten Zahlungsdienstleister weltweit. Schneider Electric war ursprünglich ein Stahlkonzern, produzierte zwischenzeitlich Rüstungsgüter und ist heute ein auf Energmanagement sowie Automation spezialisierter Elektrotechnikkonzern. Solche Transformationsprozesse können allerdings auch schiefgehen.

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Geschrieben · bearbeitet von Schildkröte

4.4 Auslaufbranchen

 

In der Finanzwelt wird der Begriff "Auslaufbranche" als solcher nach meinem Kenntnisstand eigentlich nicht so häufig verwendet. Nicht jede reife Branche muss außerdem irgendwann ein Auslaufmodell werden. Was sollte sich beispielsweise am Geschäftsmodell von Coca Cola oder Colgate-Palmolive in absehbarer Zeit ändern? Gut, vielleicht ernähren sich Menschen irgendwann bloß noch mit Tabletten, welche mit Vitaminen und anderen Nährstoffen getränkt sind und waschen braucht man sich auch nicht mehr, weil infolge des biotechnologischen Fortschrittes der menschliche Körper keinen Schweiß mehr produziert. Who knows. Solche eher unwahrscheinlichen, aber auf (sehr) lange Sicht nicht 100%ig ausschließbaren Entwicklungen sollte man zwar im Hinterkopf behalten. Wichtiger ist meines Erachtens jedoch, mittelfristig mögliche Entwicklungen im Blick zu haben. Wie sieht das Geschäftsumfeld für Daimler, Siemens, AT&T, IBM, Google, Facebook etc. in 5, 10, 15 Jahren aus? Während davon auszugehen ist, dass das jetzige Geschäftsmodell von Coca Cola auch noch in 15 Jahren funktionieren dürfte, ist es schon bedeutend schwieriger abzuschätzen, wie IBM und Siemens in 5 bis 10 Jahren ihr Geld verdienen werden. Wie schnell Facebook weg vom Fenster sein könnte, hat uns StudiVZ deutlich vor Augen geführt. Und wie schon erwähnt, kann ein Transformationsprozess eben auch mal schiefgehen.

 

Die eindrucksvollsten Firmenniedergänge in der jüngeren Vergangenheit waren wohl Kodak und Nokia. In beiden Fällen wurden zwei Unternehmen, welche in ihrer jeweiligen Branche Marktführer waren, vom technischen Fortschritt kalt erwischt. Warren Buffett verzichtete aus diesem Grunde bisher auf Technologie-Aktien. Insbesondere bei Nokia hat es sich gerächt, dass man sich zu sehr auf ein Produkt fokussiert hat, welches durch Apple´s iPhone obsolet wurde. Interessanterweise macht das iPhone gut die Hälfte der Ergebnisse von Apple aus und andere Unternehmen vertreiben ebenfalls Smartphones. Dass Apple selbst schonmal kurz vor der Pleite stand, sei hier nur am Rande genannt. Wichtiger für den Anleger ist es, sich ein Bild von der inneren Diversifizierung (wie abhängig ist ein Unternehmen von einem einzelnen Produkt bzw. einer einzelnen Sparte?) zu machen und sich Gedanken darüber zu machen, wie gut das Unternehmen mit dem jetzigen Geschäftsmodell für die Zukunft gerüstet ist. Ob ein Transformationsprozess und/oder Turnaround gelingt, ist letztlich Spekulation. Wenn ein solcher Schritt einem Unternehmen ggf. in der Vergangenheit bereits ein- oder mehrmals geglückt ist, ist das keine Garantie dafür, dass sich dies später wiederholt.

 

Unternehmen aus Auslaufbranchen müssen nicht zwangsläufig vom Markt verschwinden. Nokia ist nun als Netzwerkbetreiber unterwegs. Siemens hat einzelne Sparten, welche unrentabel wurden oder nicht (mehr) zum Kerngeschäft passen, immer wieder rechtzeitig abgestoßen. Des Weiteren müssen bestimmte Branchen bzw. Produkte nicht automatisch vollständig verschwinden. Stattdessen gibt es oft für vieles immer noch einen Nischenmarkt. So wurden zu Beginn der Neunziger Jahre Schallplatten durch CDs verdrängt (und CDs später wiederum durch Downloads). Auch wenn die Verkaufszahlen für Vinyl im Zuge dessen einbrachen, sind Schallplatten nie völlig aus den Handelsregalen verschwunden und erfreuen sich seit einiger Zeit sogar wieder zunehmender Beliebtheit. Schnupf- und Pfeifentabak sind ebenfalls nie völlig durch Zigaretten verdrängt worden. Man könnte sicher noch viele weitere Beispiele nennen. Sofern jedoch das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) zur Bewertung einer Aktie herangezogen wird, sind solche schrumpfenden Branchen eher zu meiden. Wenn der Schrumpfungsprozess allerdings irgendwann abgeschlossen ist, könnte man nach anschließender Branchen- und Unternehmensanalyse über einen Einstieg nachdenken.

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Geschrieben · bearbeitet von Schildkröte

4.5 Screening bzw. Bottom Up statt Top Down

Bisher habe ich in diesem Kapitel die Vorgehensweise erläutert, einzelne Branchen zu analysieren und aus diesen dann die jeweils attraktivsten Unternehmen herauszupicken. Die genauen Auswahlkriterien dafür werden später noch diskutiert. Viele Anleger gehen jedoch anders vor. Die Branche ist ihnen (erstmal) egal. Stattdessen halten sie über sog. Screener nach Aktien Ausschau. Ein Screener filtert Unternehmen nach Kriterien wie z. B.

- Marktkapitalisierung,

- Umsatz- und Gewinnwachstum,

- KGV und KBV,

- Dividendenrendite etc.

Der Vorteil bei einem Screener ist, dass er einem Aktien auflisten kann, welche man sonst möglicherweise übersehen hätte. Die Frage ist aber, nach welchen genauen Kriterien er Aktien screent. Unternehmen aus verschiedenen Branchen weisen mitunter markante Unterschiede bei einzelnen Kennzahlen auf. Für ein Wachstumsunternehmen kann ein KGV von 15 günstig sein. Für eine Bank oder eine Versicherung wäre es hingegen teuer. Dafür ist bei Banken und Versicherung der Buchwert aussagekräftig. Bei IT-Unternehmen hingegen ist er völlig unbrauchbar. Anleger sollten also der Vorgehensweise des Screeners auf den Grund gehen. Eventuell basteln sie sich sogar selbst einen, der nach ihren persönlichen Vorstellungen filtert. Ich halte es allerdings umgekehrt für leichtsinnig, einem Screener "blind" zu vertrauen. Einfach ein Knöpfchen drücken und der Screener spuckt einem eine zu kaufende Aktie aus? So einfach ist die Welt leider nicht. Ich rate dringend dazu, die auf diese Weise herausgefilterten Unternehmen fundamental und auch branchenspezifisch vor einem Kauf genauer unter die Lupe zu nehmen. Des Weiteren sollte man in Erfahrung bringen, wie genau die Daten sind, nach denen ein Screener filtert. Unter Umständen besteht die Gefahr, dass die Daten ungenau und/oder veraltet sind, was auch bei kostenlosen Finanzportalen nicht selten der Fall ist.

Nachtrag:

Wie schon an früherer Stelle betont, ist jeder User herzlich dazu eingeladen, an der Ausarbeitung dieses Leitfadens mitzuwirken. Sei es durch Kritik und Anregungen oder vielleicht auch durch die Erstellung eigener Gastbeiträge. Ich bin nicht unfehlbar und selbstverständlich kann man anderer Meinung sein als ich. Wie man möglicherweise zwischen den Zeilen herauslesen kann, stehe ich Screenern etwas skeptisch gegenüber. Trotzdem haben sie durchaus ihre Existenzberechtigung. Deshalb habe ich für diesen Beitrag in der parallelen Diskussion um Feedback gebeten und möchte nachfolgend einige konstruktive Hinweise anderer User (sowohl PROs als auch CONTRAs) als Zitat wiedergeben:

Ich sehe ein großes Argument gegen Screener (obwohl sie natürlich nützlich sind), dass sie immateriellen Werte

eines Unternehmens, wie z.B. Monopol-Stellung, Markenname etc. nicht ausreichend darstellen können.

Gerade diese beiden Fakten sind sehr wichtig, wie auch Buffett von Munger lernen musste.

Ein Screener stellt eben nur die nackten Zahlen dar, und ein Anwender könnte dadurch dazu verführt werden,

diese über zu bewerten. Die Qualität eines Unternehmens kann aber nicht allein durch diese Zahlen beurteilt werden.

Dies hat z.B. Graham immer gemacht, Buffett hat aber gelernt, dass das nicht reicht. Heutzutage spielen viele

andere Eigenschaften eines Unternehmens eine Rolle, die man in einem Screener leider nicht so einfach erfassen kann,

zumindest nicht, ohne ein tieferes Wissen über die Zusammenhänge der einzelnen Kennziffern (vor allem im Vergleich

zu den entsprechenden Kennziffern des Konkurrenten) zu haben. Und damit sind wir wieder beim wichtigsten:

Es kommt auf die Interpretation der Kennziffern an!

Quelle: http://www.wertpapie...post__p__983026

 

Die Kritik an Screenern ist m.M.n. etwas überzogen. Screening ist nicht gleich bottom-up investing. Es ist lediglich eines von vielen Werkzeugen für die Ideengenerierung. Dass man die gefundenen Firmen genau analysieren muss, versteht sich i.d.R. von selbst, außer man will eine quantitative Strategie abbilden.

 

Screener haben den Vorteil, dass sie sehr große Datenbanken abdecken können. Sie behalten einen fundamentalen Überblick über eine große Anzahl von Unternehmen, die ein einzelner Investor niemals alle im Blick behalten könnte. Sie ermöglichen weiterhin das Investitionsuniversum mehr oder weniger stark nach bestimmten Kriterien zu filtern. Das ist deutlich effizienter, als Kurszettel durchzugehen.

Quelle: http://www.wertpapie...post__p__983145

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Geschrieben · bearbeitet von Schildkröte

5. Investmentstile

Nachdem in diesem Leitfaden bereits auf das Marktumfeld und mögliche Vorgehensweisen beim Stockpicking eingegangen wurde, sollen in diesem Abschnitt gängige Investmentstile sowie in dem Zusammenhang wichtige Aspekte vorgestellt werden. Die beiden bekanntesten Investmentstile sind wohl das Growth- und das Value-Investing. Welcher der beiden Anlagestile eher zu bevorzugen ist, darüber wird sich immer wieder gestritten. Auch das Dividend Growth Investing ist seit einiger Zeit en vogue. Letztlich muss jeder den Anlagestil für sich finden, der am besten zum eigenem Risikoprofil sowie zum persönlichen Anlagehorizont bzw. -ziel(en) passt. Mit zunehmender Erfahrung wird man feststellen, dass es nicht "den einen" Anlagestil gibt. Vielmehr sind die Grenzen zwischen den einzelnen Anlagestilen fließend und ein Mix aus verschiedenen Anlagastilen bzw. entspr. Aktien kann ebenfalls zur Diversifizierung beitragen.

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Geschrieben · bearbeitet von Schildkröte

5.1 Growth

Growth-Investing bzw. wachstumsorientiertes Investieren ist einer der gängigsten Investmentstile. Die Idee dahinter ist an sich ganz simpel: Man investiert in ein Unternehmen, von dem man überzeugt ist, dass es künftig (weiter) wachsen wird. Da in diesem Zusammenhang auch der Aktienkurs des Unternehmens voraussichtlich steigen wird, kann man möglicherweise auch als Anleger von diesem Wachstum profitieren. Hört sich in der Theorie doch eigentlich recht einfach an. Aber wie sieht es in der Praxis aus? Grundsätzlich gilt, dass Stockpicker sich bei der Suche nach wachsenden Unternehmen unter anderem folgende Fragen stellen sollten:

Was ist das Geschäftsmodell des Unternehmens?

 

Handelt es sich um eine Wachstumsbranche?

 

Hui, gleich zwei Fragen auf einmal. Meines Erachtens sind beide eng miteinander verzahnt. Grundsätzlich sollte die Analyse eines Unternehmens immer mit dem Betrachten des Geschäftsmodelles beginnen und wie schon erwähnt, schaue ich mir auch immer zunächst das Branchenumfeld um. Sofern es sich um eine Wachstumsbranche handelt, ist mit größerer Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass das Unternehmen ebenfalls wächst. Wäre dem nicht so, müsste das Unternehmen irgendwas falsch machen. Anders sieht es aus in reife(re)n Branchen und vor allem in sog. Auslaufbranchen. Bei ersteren Branchen ist nur noch moderates Wachstum vorhanden, welches sich mehr oder weniger in der Größenordnung des allgemeinen Marktes bewegt. Ist das angesichts des Einzelausfallrisikos angemessen? Sofern keine ausreichende Diversifizierung innerhalb eines Depots gemessen an der Anzahl der Einzelwerte vorliegt, sind Fonds bzw. ETFs hier unter Chane-/Risiko-Betrachtungen eine durchaus geeignete Alternative. Noch schlimmer ist es bei "auslaufenden" Branchen. Das Wachstum bewegt sich bestenfalls in Höhe der Inflationsrate, möglicherweise ist es sogar rückläufig, in den meisten Fällen jedenfalls unterhalb des Marktes. Hier sollten wachstumsorientierte Anleger eher die Finger von lassen. Unternehmen können lediglich noch durch

- Übernahmen,

- Verdrängung von Wettbewerbern,

- Erschließung neuer Geschäftsfelder oder

- Aktienrückkäufe

 

weitere Marktanteile gewinnen und ergo (überdurchschnittliches) Wachstum generieren. Übernahmen sind teuer und können zudem schief gehen. Wettbewerber lassen sich z. B. durch Niedrigpreisstrategien verdrängen, indem (vorübergehend) Preise gesenkt werden. Hat ein Unternehmen niedrige Kosten (für Personal, Produktion, Fremdkapital etc.) und/oder einen hohen Kapitalpuffer, kann es solch ein Dumping so lange durchhalten, bis im Idealfall ein oder mehrere Konkurrenten aufgeben. Dumm nur, wenn dann unter Umständen Chapter 11 greift. Dann werden zwar Aktionäre und ggf. Gläubiger enteignet, die Wettbewerber machen in dem Falle jedoch einfach mit neuen Eigentümern weiter. Die Erschließung neuer Geschäftsfelder kann neues Wachstum (in anderen Bereichen) ermöglichen. Anleger sollten immer kritisch hinterfragen, wie realistisch das im jeweils konkreten Einzelfall ist. Durch Aktienrückkäufe selbst wird natürlich kein Wachstum erreicht. Aber bei gleichbleibenden Ergebnissen und weniger ausstehenden Aktien lassen sich zumindest die Ergebnisse pro Aktie steigern, so dass schwächeres Wachstum zumindest kompensiert werden kann.

 

 

Wird Wachstum organisch oder durch Übernahmen erzielt?

 

Wie eben bereits erläutert, lassen sich Ergebnisse auch durch Übernahmen erhöhen. Manche Unternehmen spezialisieren sich sogar darauf, ausschließlich durch Übernahmen zu wachsen. In solchen Fällen sollte man in die Geschäftsberichte schauen, wie sich die Ergebnisse ohne Käufe und ggf. Verkäufe entwickelt hätten. Möglicherweise werden durch die Käufe rückläufige Ergebnisse kaschiert. Wächst das übernommene Unternehmen? Günstiger ist jedenfalls organisches Wachstum. Bei Gastronomie- und Handelsunternehmen ist es sehr oft zu beobachten, dass diese überwiegend durch die Eröffnung weiterer Filialen wachsen, was zunächst mal Anlaufkosten verursacht. So ein Wachstum funktioniert nicht ewig. Hier ist darauf zu achten, wie es sich mit den Ergebnissen auf vergleichbarer Fläche bzw. der Like-for-like-Entwicklung verhält, was im Geschäftsbericht gerne irgendwo verschleiert wird. Gut, dass es für PDF-Dokumente eine Such-Funktion gibt. wink.gif Meist steht eine Mischung aus organischem Wachstum und Übernahmen auf der Tagesordnung.

 

Wie zyklisch ist die Branche?

 

Diese Frage ist für langfristige Anleger, denen zwischenzeitliche Schwankungen (wirklich?) egal sind, nachrangig. Weniger langfristige und ggf. ängstliche Anleger sollten sich diesbezüglich jedoch im Vorfeld Gedanken machen. Grundsätzlich können auch (Extrem-)Zykliker langfristig wachsen. Aber was nützt das, wenn sich Aktien solcher Unternehmen zwischendurch im Kurs mal ganz einfach halbieren? Dann ist mal ebenso das Wachstum mehrerer Jahre kurstechnisch schlichtweg futsch.

 

Ist die Aktienbewertung unter Berücksichtung des Wachtumspotenziales angemessen?

 

Einen fairen bzw. angemessenen Preis für eine Aktie zu bestimmen, ist äußerst schwierig. Darauf gehe ich im nächsten Abschnitt näher ein. Auf jeden Fall sollte dieser Aspekt auch beim Growth-Investing nicht vernachlässigt werden. Im Idealfall findet man eine wachstumsstarke und unterbewertete Aktie. Leider ist es in der Realität allerdings so, dass Wachstumsaktien häufig nach verschiedenen Bewertungskriterien relativ teuer sind. Im dümmsten Fall bezahlt man einen Mondpreis, in welchem das Wachstum für mehrere Jahre vorweggenommen ist. Nicht vergessen, an der Börse wird immer die Zukunft gehandelt. Andersrum gesehen ist es selbstverständlich nachvollziehbar, dass die Aktien von besonders wachstumsstarken Unternehmen teurer als die von weniger wachstumsstarken sind. Inwieweit ein höherer Preis akzeptabel ist, hängt immer vom jeweiligen Einzelfall und außerdem von der Einschätzung eines jeden individuellen Anlegers ab.

 

Ist das historische bzw. bisherige Wachstum noch intakt oder schwächt es sich allmählich ab?

Viel Unternehmen wandeln sich früher oder später vom Growth- zum Value-Unternehmen. Es ist also immer zu prüfen, ob die jährlichen Wachstumsraten gleich hoch bleiben oder zurückgehen. Sollte sich das Wachstum abkühlen, ist auch ein niedrigerer Preis als bisher angebracht. Eventuell gibt es jedoch besorgniserregende Gründe für das schwächelnde Wachstum. Vielleicht drohen auch Ergebnissrückgänge oder gar rote Zahlen. Dann wird aus dem Growth- nicht nur ein Value-Unternehmen, sondern sogar eine Turnaround-Wette.

 

Partizipiert der Aktionär vom Wachstum des Unternehmens und wenn ja, wie?

 

Wie verhält es sich mit Dividenden und Aktienrückkäufen?

 

Auf diese beiden Überlegungen möchte ich ebenfalls zusammen eingehen. Das beste Wachstum nützt nichts, wenn der Aktionär nichts davon hat. Ohne bereits jetzt zu sehr auf Kennzahlen einzugehen, ist es nicht ungewöhlich, dass Unternehmen aus Zukunfts- und Wachstumsbranchen kein Geld verdienen bzw. ein sehr hohes KGV aufweisen. Geld verdienen steht in dieser Phase noch nicht so im Vordergrund. Stattdessen wird nach Möglichkeit sämtliches Geld in weiteres Wachstum reinvestiert. Es ist demnach logisch, dass ergo kein bzw. wenig Geld für Dividenden und Aktienrückkäufe übrig bleibt. Deshalb ist es ein wichtiges Merkmal, dass Wachstumsunternehmen entweder keine oder bloß geringe Dividenden zahlen. Sofern jedoch zumindest letzteres der Fall ist, ist aufgrund der (hoffentlich) hohen Wachstumsraten auch ein entspr. hohes Dividendenwachstum zu erwarten. Dem Dividend-Growth-Investing widmen wir uns später noch. Aber wird auch aus jeder Wachstumsrakete tatsächlich mal eine Cash-Cow? Garantien gibt es wie auch anderweitig nie. Sicher ist auf lange Sicht lediglich der Tod. Allerdings gibt es bestimmte Parameter, auf die man diesbezüglich achten sollte. Wie man in einer Wachstumsbranche nach aussichtsreichen Kandidaten Ausschau halten kann, darüber habe ich mal etwas im Thread zur IT-Branche geschrieben:

Ein deutscher Investor erläutert im Interview, wie das Silicon Valley bzw. die IT-Branche investmenttechnisch funktionieren: http://www.focus.de/...id_4629496.html

 

Das ist mit dem klassischen Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) nicht zu erfassen. Die entscheidenden Fragen lauten: Wer hat wirklich Traktion beim Gewinnen neuer Kunden, die dann tatsächlich langfristig als Abo-Kunden dabeibleiben? Wer das schafft, macht ein Geschäft wie Warren Buffett, der zig Milliarden Dollar Cash mit seinem Versicherungsgeschäft angesammelt hat. Cloud-Business mit seinen festen Einnahmeströmen hat viele Ähnlichkeiten mit dem Versicherungsbereich.

Folgende Kennzahlen seien relevant, um ein IT-Unternehmen zu bewerten: http://www.focus.de/...id_4629499.html

 

1. Umsatzwachstum

2. Nettoertrag

3. Bruttomarge

4. Deckungsbeitragsmarge

5. Vertriebseffektivität

6. Kündigungsrate

7. Umsatz pro Mitarbeiter

8. Gehälter

9. Verkaufsrelation

10.Marketingkosten

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5.2 Value

Value Investing (englisch für „wertorientiertes Anlegen“) ist eine Anlagestrategie, bei der Kauf- und Verkaufsentscheidungen für Wertpapiere ausschließlich unter Bezugnahme auf deren realwirtschaftlichen Gegenwert des Investments, den so genannten inneren Wert (engl. intrinsic value) getroffen werden. Dadurch unterscheidet sich Value Investing grundlegend von Investmentsstrategien, die auf technischer Analyse basieren und nur die bisherige Entwicklung des Marktpreises (Kurs) des Investments im Zeitverlauf betrachten. Ziel des Value Investing ist das Erzielen einer gegenüber der Entwicklung des Gesamtmarktes überdurchschnittlichen Rendite auf das eingesetzte Kapital und das Vermeiden von Verlusten.
Quelle: https://de.wikipedia...Value_Investing

Value Investing ist einfach und schwierig zugleich. Fangen wir mit dem einfachen Teil an. Für jedes Unternehmen wird ein Buchwert angegeben. Notiert die Aktie eines Unternehmen unterhalb des Buchwertes (Kurs/Buchwert-Verhältnis (KBV) kleiner als 1,0), gilt es als unterbewertet. Benjamin Graham verdiente sich mit seiner "Zigarrenstummelstrategie" ein goldenes Näschen, indem er nach unterbewerteten Unternehmen Ausschau hielt. Diese Strategie ist etwas aus der Mode gekommen bzw. wurde weiter entwickelt (insbesondere Warren Buffett sei in diesem Zusammenhang genannt). Für Finanz- oder Immobilienunternehmen, welche meist um ein KBV von 1,0 herum notieren, ist der Buchwert nach wie vor eine aussagekräftige Kennzahl. Sehr viele Unternehmen notieren jedoch zu einem Vielfachen ihres Buchwertes. Was will man beispielsweise bei einem IT-Unternehmen schon großartig liquidieren? Aussagekräftiger ist deshalb heutzutage das KGV. Den einzelnen Kennzahlen werden wir uns später noch näher widmen. Oft befinden sich Unternehmen, die (deutlich) unterhalb ihres Buchwertes gehandelt werden, in einer wirtschaftlichen Schieflage. In dem Fall spricht man mehr von Turnaround-Spekulation als von Value-Investing. Benjamin Graham suchte zumeist nach eben solchen Unternehmen. Seine Idee war, für das Unternehmen weniger zu bezahlen, als man im Falle einer Liquidierung für die Aktie letztlich noch bekommt. Die Spanne dazwischen verbleibt als Gewinn. Theoretisch. Praktisch kann es infolge von Verlusten, Abschreibungen etc. zu einer weiteren Reduzierung des Buchwertes kommen. Deshalb sollte immer ein entspr. Sicherheitsabschlag bzw. eine sogenannte Margin of Safety mit einkalkuliert werden.

Value-Investoren sollten unter Berücksichtigung weiterer Aspekte wie KGV, Wachstumsaussichten, Robustheit etc. besser von einem "fairen" Wert sprechen. Notiert eine Aktie unterhalb des fairen Wertes, liegt ebenfalls eine Unterbewertung vor. Erreicht der Kurs irgendwann wieder (hoffentlich) seinen fairen Wert, sollte die Aktie verkauft werden. Es sei denn, man erwartet darüber hinaus eine baldige Überbewertung. Das fällt dann allerdings schon in den Bereich der Spekulation. Das schwierige ist nun, so einen fairen Wert zu ermitteln. Hierfür gibt es viele verschiedene Ansätze, welche alle jeweils ihre Berechtigung und Tücken haben. Gängige Ansätze sind unter anderem:

 

- Shiller-KGV

- Substanzwertverfahren

- Ertragswertverfahren

- DCF-Methode

- historisches Durchschnitts-KGV nach Karl Napf uvm.

 

Vieles basiert auf Annahmen, welche jeweils mit Unsicherheiten behaftet sind. Kritiker weisen deshalb gerne darauf hin, dass man es sich bei Bedarf "hinrechnen" kann. In jedem Fall wird man bei den einzelnen Verfahren, vor allem wenn man auch noch unterschiedlich Annahmen für einen Parameter ansetzt, jeweils zu von einander abweichenden Ergebnissen kommen. Entspr. Rückschlüsse daraus muss deswegen jeder mit sich selbst abklären. Ich rate deshalb dazu, sich nicht auf ein bestimmtes Verfahren (blind) zu "versteifen", sondern es kritisch zu hinterfragen. Auch sollten Annahmen, etwa bei der DCF-Methode nicht zu optimistisch angesetzt werden, sondern immer der o. g. Sicherheitsabschlag berücksichtigt werden. Ich persönlich schaue mir den heutigen und möglichen künftigen Kurs einer Aktie nach verschiedenen Kriterien an und lasse dies in die jeweilige Anlageentscheidung entspr. einfließen.

Nach der Theorie des effizienten Marktes wäre es eigentlich unmöglich, dass eine Aktie unterbewertet zu haben ist. Schließlich sind doch alle verfügbaren Information bereits im Kurs eingepreist. Darüber lässt sich freilich genauso lebhaft streiten, wie bei den Themen aktiv vs. passiv oder Stockpicking vs. ETFs. Gleichwohl besteht die Gefahr, dass wenn man eine unterbewertete Aktie ausfindig gemacht und gekauft hat, es mitunter sehr lange dauern kann, bis der Markt diese Unterbewertung erkennt und die Aktie wieder zum fairen Preis notiert. Unter Umständen wird es nie zu einer fairen Bewertung kommen. Oder man hat sich als Anleger womöglich schlichtweg geirrt. Auch das ist Börse.

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5.3 Turnaround

Im Idealfall bewegen sich Aktienkurse möglichst geradlinig von links unten nach rechts oben. Leider ist das in der Praxis nicht so häufig der Fall. Und wenn, dann handelt es sich für gewöhnlich um Kursraketen, wo (sehr) viel Wachstumsphantasie drin steckt und die Aktie fundamental recht teuer ist. Allerdings wachsen Bäume bekanntlich nicht in den Himmel. "Normale" Aktien können langfristig zwar ebenfalls sehr ansprechende Kursanstiege verzeichnen. Aber innerhalb dieser langfristigen Aufwärtstrends gibt es immer wieder mal Schwächephasen. Zum einen, weil der Markt allgemein dreht. Zum anderen, weil das Unternehmen vielleicht gerade eine schlechte Nachricht verkünden muss. Bei Qualitätsaktien sind genau das immer noch die besten Zeitpunkte für einen Einstieg.

Diese Logik setzt allerdings voraus, dass das Unternehmen einerseits weiter wächst und dass andererseits das Geschäftsmodell nicht nachhaltig beeinträchtigt ist. Wenn also beispielsweise nach einem Großschadenereignis Versicherungsaktien im Kurs drastisch fallen, Allianz & Co. die entspr. Entschädigungssummen jedoch ohne größere Probleme aufbringen können, dann ist genau das der richtige Zeitpunkt, um auf eine baldige Erholung von Versicherern zu spekulieren. Was ist allerdings, wenn es nicht so sicher ist, dass sich ein Unternehmen bald wieder erholt? Im Zuge der Finanzkrise sind sehr viele Aktien im Kurs ordentlich verprügelt worden. Viele kamen in der anschließenden Hausse wieder auf die Beine. Einige dümpeln allerdings kurstechnisch immer noch vor sich hin und manche Unternehmen gingen sogar pleite.

In jedem Fall sollte sich der Spekulant also Gedanken machen, warum der Turnaround gelingen sollte. Diese Überlegungen gilt es immer wieder mit der Realität abzugleichen. Hat sich möglicherweise etwas geändert, was die ursprüngliche Annahme in Frage stellt? Sofern man davon überzeugt ist, nach wie vor recht zu haben, muss man auf jeden Fall weiter standhaft sein. Börse ist schon in der Theorie recht komplex. In der Praxis kommen zusätzlich noch Emotionen hinzu. Gier, Angst, Ungeduld etc. können es einem im Alltag sehr schwer machen. Mit letzterem ist ebenfalls noch ein sehr wichtiger Faktor zu beachten: Die Zeit! Denn selbst, wenn man mit seiner Hypothese richtig liegt: Es ist nicht gesagt, wann der Markt einem folgt und man mit entspr. Kursgewinnen belohnt wird. Wie sagten einst die Frankfurter Börsianer: "Das Geld macht man an der Börse nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Sitzfleisch."

Da irren menschlich ist, man unmöglich sämtliche Informationen in sich aufsaugen kann und es immer wieder neue unerwartete (Schreckens-)Nachrichten geben kann, sollte man sich mit einzelnen Turnaroundwetten besser kein Klumpenrisiko ins Depot holen. Als Beimischung taugen sie jedoch allemal. Oder man spezialisiert sich sogar auf Turnaroundwetten und hat gleich eine ganze Horde gefallener Engel im Stall. Dann fallen einzelne Rohrkrepierer nicht so sehr ins Gewicht. Entscheidend ist allerdings, dass man am Ende in der Summe seinen Schnitt macht. Kommt man so mit der Zeit auf eine überdurchschnittliche Gesamtrendite? Auch unter Berücksichtigung des größeren Risikos und höheren Zeitaufwandes ("langweilige" Aktien muss man schließlich nicht so intensiv beobachten)? Viele Anleger, insbesondere Neulinge, tendieren aus Gier nach Turnaroundaktien. Vielleicht sind für den einen oder die andere "langweilige" Aktien unter Umständen ja doch eine Alternative.

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Geschrieben · bearbeitet von Schildkröte

5.5 Dividenden

Sind Dividenden ein eigener Anlagestil? Nicht direkt, in erster Linie handelt es sich um Gewinnausschüttungen. Genau genommen müsste man anfügen, dass es sich hoffentlich um Gewinnausschüttungen handelt, denn nicht selten sind Dividenden gar nicht (ausreichend) durch Gewinne gedeckt und werden aus der Substanz gezahlt bzw. auf Pump finanziert, was sich in der Bilanz (und somit beim Buchwert) entspr. bemerkbar macht. Doch dazu später mehr. Da es sehr viele dividendenfokussierte Anlagestile gibt, etwa als passives Einkommen (nicht nur) im Alter, verdient dieser Aspekt einen eigenen Abschnitt.

Wachstumsorientierte Anleger fluchen oft über Dividenden. Zum einen fallen auf Dividenden Steuern an (obwohl zuvor schon auf die Unternehmensgewinne Steuern erhoben wurden!) und zum anderen hätte das Unternehmen mit dem ausgeschütteten Geld auch weiteres Wachstum finanzieren können (z. B. durch die Erschließung neuer Geschäftsfelder oder mit der Übernahme von Wettbewerbern). Nun, je wachstumsstärker ein Unternehmen ist, desto weniger Dividende schüttet es aus (wenn überhaupt) und je wachstumsschwächer ein Unternehmen ist, umso mehr Dividende schüttet es aus. In der Praxis sieht das nicht selten zwar schonmal was anders aus, aber bleiben wir an dieser Stelle mal bei der gängigen Praxis.

Wichtig ist immer, auf die Ausschüttungsquote zu achten. Bei Wachstumsunternehmen ist sie für gewöhnlich geringer als bei stagnierenden Unternehmen, so dass diese Kennzahl branchenspezifisch zu betrachten ist. In diesem Zusammenhang sehr wichtig zu beachten ist, dass das KGV unter Berücksichtigung der Ausschüttungsquote der Kehrwert der Dividendenrendite ist. Bei einer jeweils konstanten Ausschüttungsquote gilt also feszuhalten, dass je höher das KGV ist, umso niedriger ist die Dividendenrendite. Allein schon deshalb ist die Dividendenrendite bei Wachstumsunternehmen geringer als bei stagnierenden Unternehmen, denn je wachstumsstärker ein Unternehmen ist, desto teurer ist dessen Aktie in der Regel vom KGV her. Die goldene Mitte stellen hier womöglich nach wie vor, wenngleich nicht mehr so stark wachsende Unternehmen dar. Letztere bieten oft eine Dividendenrendite von um die 3%, was im Zeitalter anhaltend niedrig(st)er Zinsen sicher nicht unattraktiv ist. Solche Aktien eignen sich gut für Dividend-Growth-Investing. Von "zu" hohen Dividenden sollte man sich ggf. nicht blenden lassen (schöne Grüße von deutschen Versorgern und der Deutschen Telekom!). Bei ausländischen Aktien sind zum Teil noch Quellensteuern zu berücksichtigen, das ist jedoch ein Thema für sich.

 

Zur gesamten Ausschüttungsquote hinzuzuzählen sind Aktienrückkäufe. Während sie im angelsächsischen Raum Standard sind, stoßen sie hierzulande nicht selten auf Unverständnis und werden auch bloß von wenigen einheimischen Unternehmen angewendet. Im angelsächsischen Raum werden Aktienrückkäufe zum Teil sogar mithilfe von Krediten finanziert, um die EPS (Gewinne pro Aktie) zu pushen. Die EPS bzw. das KGV (Kehrwert der EPS) sind halt maßgeblich für die Bewertung einer Aktie. Und auch für die Höhe der Dividende. Genauer für die Dividende pro Aktie. Denn wenn sich weniger Aktien im Umlauf befinden und die gesamte Dividendenausschüttung konstant bleibt, kann mehr Dividende pro Aktie ausgeschüttet werden. Oder andersrum betrachtet kann insgesamt weniger Dividende ausgeschüttet werden, um die Dividende pro Aktie konstant halten zu können. Nicht mehr so stark wachsende bzw. stagnierende Unternehmen können also mittels Aktienrückkäufen weiter ein Dividendenwachstum generieren.

 

Sind Dividenden auch für Nicht-Pensionäre wünschenswert? Je wachstumsorientierter man ist bzw. je länger der persönliche Anlagehorizont ist, umso eher lässt sich diese Frage verneinen. Ich gebe allerdings zu, dass sie psychologisch einen angenehmen Nebeneffekt haben. Und auch wenn der Finanzminister einen nicht unerheblichen Teil der Dividendenzahlungen einsackt, bleibt immer noch ein ansehnliches Sümmchen über. Zwar ist dies bei einer Direktanlage in die selbe Aktie, von welcher die Dividende zuvor floss, ärgerlich. Aber vielleicht ist ja gerade eine andere Aktie im Depot oder auf der Watchlist deutlich unterbewertet und man kann hier (auch) mithilfe der Dividende zuschlagen. Oder man will ganz einfach mal einen Urlaub machen, shoppen gehen oder sich sonstwas gönnen. Geld und Börse sind schließlich nicht alles. Erfreulicherweise schütten sehr viele US-Unternehmen quartalsweise aus, so dass die Monate März, Juni, September und Dezember (Weihnachtszeit!) ganz besonders dividendenreich sind.

Wie auch immer die eigene Einstellung gegenüber Dividenden ist. Ein Stockpicker sollte nach Möglichkeit nach (Dividenden-)Aktien Ausschau halten, die gut zu seinem persönlichen Anlagestil bzw. seinen Anlagezielen passen. Zu beachten ist, dass nicht wenige Wachstumsunternehmen (mit wenig oder gar keiner Dividende) sich im Laufe der Zeit zu Value-Unternehmen (mit normaler oder sogar hoher Dividende) entwickeln. Eine Kombination aus Wachstums- und Dividendenaktien ist ebenfalls denkbar. Die Mischung macht´s.

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5.6 Standard- und Nebenwerte

Im Deutschen werden Standard- und Nebenwerte nicht so fein voneinander abgegrenzt wie im Englischen. Dort differenziert man börsennotierte Unternehmen nach ihrer jeweiligen Marktkapitalisierung folgendermaßen:

Mega Cap: > 200 Mrd. $

Big Cap: > 10 Mrd. $

Mid Cap: < 10 Mrd. $ > 2 Mrd. $

Small Cap: < 2 Mrd. $ > 300 Mio. $

Micro Cap: < 300 Mio. $ > 50 Mio. $

Nano Cap: < 50 Mio. $

Standardwerte (Mega und Big Caps) werden auch Blue Chips genannt. Die obigen Angaben hinsichtlich der Marktkapitalisierungsgrenzen können bei anderen Quellen womöglich etwas (?) abweichen. Die Grenzen sind sicher fließend. Aber Börse ist ja auch keine exakte Wissenschaft. Es kommt vielmehr auf die ungefähre Größenordnung an.

Nach gängigen Faustregeln gelten Nebenwerte als wachstumsstark, dafür jedoch auch als riskanter. Standardwerte wiederum hält man allgemein für weniger riskant, aber eben auch für nicht mehr so wachstumsstark. Das ist häufig zutreffend, allerdings auch etwas *zu* einfach. Wie so oft kommt es auf den jeweils konkreten Einzelfall an, welchen es für Stockpicker unter die Lupe zu nehmen gilt. So gibt es eben auch träge Nebenwerte sowie nach wie vor wachstumsstarke Standardwerte. Wer glaubt, dass langweilige Dickschiffe nicht ebenfalls über die Wupper gehen können, sollte sich mal die Beispiele Enron, General Motors und Lehman Brothers anschauen. Und es muss ja auch nicht immer gleich eine komplette Pleite sein. Ein jahrelanges Dahinsiechen wie etwa bei RWE oder der Commerzbank ist ebenfalls keine Seltenheit. Im Gegenzug sind nicht wenige Nebenwerte mittelständisch geprägte Unternehmen, bei denen die Gründerfamilie als Hauptaktionär (sowie ggf. immer noch als Unternehmenslenker) das Unternehmen langfristig nachhaltig führt und nicht auf kurzfristige Rendite schielt. Unter Umständen werden Nebenwerte nicht im regulierten Markt, sondern lediglich im Freiverkehr gehandelt.

Je größer ein Unternehmen ist, desto stärker steht es im Fokus von Analysten und Anlegern. Letzteres äußert sich in einer entspr. höheren Liquidität. Im Umkehrschluss werden Nebenwerte weniger gehandelt, was bei einem (Ver-)Kauf hinderlich sein kann. Auch stehen Nebenwerte weniger, mitunter kaum im Fokus von Marktteilnehmern. Kritiker der Theorie des effizienten Marktes finden hier noch am ehesten Aktien, in deren Kurs möglicherweise noch nicht sämtliche verfügbaren Informationen eingepreist sind. Es ist dann nur irgendwie ärgerlich, wenn man eine (mutmaßlich) unterbewertete Aktie entdeckt hat und es anschließend seeehr lange dauern kann, bis "der Markt" auf die Aktie aufmerksam wird und die Bewertung entspr. angepasst wird. Wenn man nicht gerade ein ausgewiesener Branchen- bzw. Unternehmenskenner ist, sollte man Ausschau nach potenziellen Kandidaten für einen Index halten. Steigt beispielsweise ein Unternehmen aus dem MDAX in den DAX auf, müssen (!) Indexfonds bzw. ETFs die Aktie in (sehr) großem Umfang kaufen, was den Kurs der Aktie ordentlich in die Höhe treiben kann.

Bei Standardwerten sind hingegen schon sämtliche verfügbaren Informationen eingepreist. Wer von der Markteffizienz nichts hält, der weiß, dass eine Aktie trotzdem unterbewertet sein kann. Zumindest aber wird man bei Standardwerten seltener böse Überraschungen erleben. Je kleiner ein Unternehmen ist bzw. umso weniger es im Blickpunkt der Öffentlichkeit steht, desto mehr muss ein Stockpicker es im Auge behalten. Das erfordert Expertise und Zeit. Und eben womöglich auch eine größere Diversifizierung.

Ich habe der Diversifizierung in diesem Leitfaden bewusst kein eigenes Kapitel eingeräumt, obwohl sie selbstverständlich sehr wichtig ist. Allerdings ist sie dermaßen umfangreich, dass man darüber eine eigene Abhandlung schreiben könnte. Denn es kommt auch auf die innere Diversifizierung eines Unternehmens an. Ein Depot bestehend aus 5 bis 10 Holdings oder Mischkonzernen kann besser diversifizierter sein als ein Depot mit 15 bis 25 Pure Playern. Genauso sollte auch bei Nebenwerten (wie schon bei Zukunftsbranchen und Turnaroundwetten) die Diversifizierung entspr. höher angesetzt werden. Des Weiteren sollte sich ein Stockpicker die Frage stellen, ob sich das höhere Risiko und der größere Zeitaufwand bei Nebenwerten auch in einer entspr. höheren Rendite bemerkbar machen, als wenn er ganz entspannt in eine Palette Standardwerte investieren würde.

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5.7 Hausse und Baisse

Hausse steht für steigende und Baisse für fallende Kurse. Umgangssprachlich nennt man ersteres oft Bullen- und letzteres Bärenmarkt. Die Markttechnik hinter einem kompletten Börsenzyklus habe ich bereits an anderer Stelle ausführlich erläutert. An dieser Stelle soll es vielmehr darum gehen, dass man sich selbst die Frage stellt, ob man eher ein Bulle oder vielleicht mehr ein Bär ist. Natürlich kann man sowohl bullish als auch bearish sein. Je nachdem in welcher Marktlage man sich gerade befindet. Aber vom Prinzip her gibt es doch einige Unterschiede zu beachten.

Allgemein geht man davon aus, dass der Aktienmarkt in seiner Gesamtheit langfristig steigt. Allen zwischenzeitlichen Unwettern zum Trotze. Für Aktien einzelner Qualitätsunternehmen mit solidem Geschäftsmodell gilt das meist ebenfalls. Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel. Gelegentliche einzelne Rohrkrepierer lassen sich für gewöhnlich durch ausreichende Diversifikation kompensieren. Langfristig orientierte Anleger können sich also eigentlich entspannt zurücklehnen. Kurzfristig orientierte Marktteilnehmer müssen genau abschätzen, in welcher Marktphase sie sich gerade befinden und wo die Kurse eventuell bald stehen, abhängig davon wie lange ihr Anlage- bzw. Spekulationszeitraum ist. Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass es bullishe Trader in einem Bullenmarkt (zwischenzeitlich immer wieder erfolgende Kursrücksetzer sind jedoch zu berücksichtigen) einfacher haben.

Bären haben es allerdings wesentlich weniger leicht, von fallenden Kursen profitieren zu können. Nicht nur weil der Aktienmarkt langfristig eben steigt und zum anderen historisch betrachtet die Hausse-Zeiträume deutlich länger als die Baisse-Zeiträume sind. Nein, denn selbst wenn die Überlegung des Bären, dass der Markt bzw. ein bestimmtes Wertpapier überteuert ist und bald kurstechnisch fallen sollte, fundamental betrachtet begründet ist. Es kann dauern, bis sich der Markt seiner Einschätzung (überhaupt) anschließt und es tatsächlich zu einer entspr. Korrektur kommt. Im Gegenteil kann eine Hausse mitunter länger anhalten als für möglich gehalten und in einem allgemeinen Bullenmarkt werden auch einzelne schwache bzw. schlechte Papiere mit hoch gezogen.

Das wichtigste allerdings, was sich ein Bär aus Überzeugung immer vor Augen halten muss: Ein Bulle kann maximal die Höhe seines Einsatzes verlieren. Ein Bär jedoch ein vielfaches davon. Das kann im krassesten Falle in die Existenz gehen. Ist sich ein Anleger wirklich sicher, dass ein bestimmtes Papier bald fallen wird, so kann er mit Hilfe von Leerverkäufen darauf wetten. Er geht short, was ggf. durch gleichzeitiges long gehen abgesichert werden kann. Um das praktisch umzusetzen, eignen sich beispielsweise Zertifikate, Optionsscheine oder Optionen. Insbesondere bei sog. strukturierten Produkten sei wegen des hohen Risikos Vorsicht geboten.

Nachtrag:

Ein Bulle kann maximal die Höhe seines Einsatzes verlieren. Ein Bär jedoch ein vielfaches davon.

Per PN bin ich darauf hingewiesen worden, dass diese Aussage nur dann zutrifft, wenn man Aktien nicht auf Kredit gekauft hat. Ist man sich als Bulle allerdings seiner Sache sicher, könnte man seinen Einsatz durch Aufnahme von Fremdkapital hebeln. Dieser Leverage-Effekt kann jedoch auch nach hinten losgehen, so dass selbst ein Bulle ggf. ein vielfaches seines Einsatzes verlieren kann. Nicht selten verlangen Banken bei solchen Aktionen Sicherheiten. Sobald keine Sicherheiten mehr vorhanden sind, kann die Long-Position unter Umständen zwangsweise vorzeitig liquidiert werden. Sollte das jeweilige Papier eventuell später doch noch gen Norden gehen, hat man schlichtweg Pech gehabt.

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