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Sapine

Zum Thema Risiko

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Sapine
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Maximaler Draw Down (MDD) 

 

Wenn es ums Thema Risiko geht ist einer der häufig betrachteten Aspekte die Frage, wie stark der aktuelle Vermögensstand gefährdet ist durch Kursverluste. Der maximale Draw Down (MDD) bezeichnet den maximalen Wertverlust innerhalb eines gewissen Zeitraums. Die entsprechenden Zahlen sind teils dramatisch und Kursverluste von bis zu knapp 60 % haben wir in den letzten 100 Jahren beobachtet. 2008 waren es immerhin 48,8 % beim S&P 500. Das sind Momente, in denen es schwer ist, die Nerven zu behalten. 

 

Angenommen ein Anleger hätte beispielsweise ein 100 % Aktiendepot und würde den Abschwung im vollen Umfang mitnehmen. Wäre der Wertverlust tatsächlich so schlimm wie man anhand der Zahlen vermuten muss? Ist der Blick auf den maximalen Rückgang der richtige Fokus? Zum Vergleich habe ich zwei Tabellen des S&P 500 mit seiner langen Historie kopiert. In der einen Tabelle sieht man den maximalen Draw Down pro Jahr und in der anderen Tabelle die jeweiligen Jahresrenditen (Quelle: Bilello). 

 

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Was kann man daraus erkennen? 

  • Jahren mit besonders hohen Verlusten gehen oft Jahr(e) mit überdurchschnittlichen Gewinnen voraus
  • Die Jahresrenditen sind deutlich weniger im Minus als der MDD im jeweiligen Jahr
  • Über mehrere Jahre betrachtet verschwinden Verluste bzw. reduzieren sich deutlich

 

Alles halb so schlimm? Ja und nein.

 

Einer der größeren Börsenkorrekturen der letzten 50 Jahre begann mit dem Platzen der dot.com Blase im Jahr 2000. Betrachten wir den Zeitraum 2000 bis 2002. Da haben wir maximale Wertverluste von 17/30/34 und negative Jahresrenditen von 9/12/22. Bezogen auf den Anfangsstand von 2000 summiert sich das zu einem Verlust von 38 % für drei Jahre. Vor dem Absturz gab es eine Überhitzungsphase. Wenn man ab 1998 rechnet, wird das Bild deutlich freundlicher. Dann kommt man für fünf Jahre gerade noch auf einen nominalen Verlust von  3 %. Schlimm genug wenn man 5 Jahre lang umsonst angelegt hat, aber wer sein Geld die gleiche Zeit auf dem Girokonto hat vergammeln lassen ist nicht viel besser dran. 

 

Für den langfristigen Anlageerfolg sind durchschnittliche Jahresrenditen für längere Zeiträume wichtiger als ein kurzfristiger Wertverlust. Deshalb ist das Renditedreieck besser geeignet, langfristige Risiken zu visualisieren als der MDD, der nur eine kurze Momentaufnahme ist. Im Renditedreieck kann man durchschnittliche Renditen für unterschiedlich lange Anlagezeiträume bei unterschiedlichen Startzeiten ablesen. Es ist die Mühe wert, diese Form der Darstellung zu verstehen, denn da steckt deutlich mehr drin, als in irgendwelchen Momentaufnahmen von einzelnen Zeiträumen und Vorkommnissen.

DAX-Renditedreieck

Renditedreieck MSCI World

 

Warum ist der MDD trotzdem wichtig? 

 

Der MDD ist eine reale Gefahr für Einmalanleger und angehende Ruheständler. Bei der Einmalanlage fehlen die meist vorausgegangenen Kursgewinne und beim Ruheständler besteht die Gefahr, mit zu wenig Reserven in den Ruhestand zu gehen. Daneben gibt es aber noch eine größere Gefahr vor allem für unerfahrene und ängstliche Anleger. Nämlich die Gefahr nach starken Kurskorrekturen Positionen aufzulösen und der Börse den Rücken zu kehren. Als Anleger muss man sich der Gefahr bewusst sein, dass es Börsenphasen mit starken Korrekturen gibt. Wenn sie auftreten muss man damit umgehen und darf nicht den Kopf verlieren. Tatsächlich braucht man nur wenige Monate bis Jahre bis wenigstens die Hälfte der Verluste wieder aufgeholt wurde, aber was hilft das, wenn man in dem Moment alles verkauft hat? 

 

Fazit: Wer keine 50 % Verlust aushalten kann in seinem Depot, darf nicht zu 100 % in Aktien gehen. 

 

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Weitere zukünftige Themen rund um Risiko: 

Ist Volatilität und Risiko das gleiche? 

Sequence of Return Risk

Diversifizierung - Allheilmittel gegen Risiko? 

 

 

Diskussion/Ergänzungen gerne --> hier entlang

 

 

 

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Sapine
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vor 4 Stunden von Nachdenklich:

Natürlich erschrickt ein unerfahrener Anleger bei der Erkenntnis, dass der momentan an der Börse zu realisierende Wert seines Depots vielleicht in kurzer Zeit um 30 oder gar 50 Prozent zusammenschmelzen kann. Und natürlich führt es zum finanziellen Desaster, wenn der Anleger dann in Panik verkauft.

Ich hielte es aber für richtiger, den unerfahrenen Anleger (und wie ich nach einigen Jahren im Forum leider ergänzen muß: selbst manchen erfahrenen Anleger) darauf aufmerksam zu machen, daß Volatilität und MDD eben nur für die kurzfristige Betrachtung von Bedeutung sind. Langfristig geht es um die durchschnittliche erwartbare Rendite - und um nichts anderes. Das ständige Starren auf die kurzfristigen Risiken statt auf die langfristigen Chancen wirkt sich verunsichernd aus und ist eine der Ursachen für die ‚suboptimale‘ Vermögensentwicklung breiter Teile der Bevölkerung.

Hervorhebung von mir. Die Überbewertung der Risiken ist auch meiner Einschätzung nach häufig die Ursache von extrem defensiv aufgestellten Portfolios. Im ersten Beitrag zum Thema MDD ging es mir genau darum, dieses Risiko ins rechte Licht zu rücken. 

vor 4 Stunden von YingYang:

Jeder Drawdown hat seine eigene Geschichte bzw. kommt aus einer eigenen Ecke.

Deshalb hilft bei der Abschätzung des eigenen Portfoliorisikos auch immer eine Szenarioanalyse.

Ein wichtiger Aspekt. Börsenkrisen haben zwar oft Ähnlichkeit miteinander aber je nach Ursache und Auswirkung sind sie nicht immer vergleichbar. Es ist auch in Krisensituationen wichtig die Situation zu analysieren, um mögliche unerwartete Risiken zu erkennen.

vor 4 Stunden von YingYang:

Deshalb hilft bei der Abschätzung des eigenen Portfoliorisikos auch immer eine Szenarioanalyse.

Was bringen mir 50% statt 100% Aktien, wenn ich die restlichen 50% mit langlaufenden Anleihen abdecke und so voll in einen Zinsanstieg reinlaufe, der mir auf beiden Seiten weh tun wird?

Der Bundfuture mit einer 8,5er Duration hat seit Mitte Dezember 12% verloren, der DAX rund 8% in diesem Zeitraum. Diversifikation über Renten hat 0,0 funktioniert.

Da wären wir dann beim Thema Diversifizierung und ob und wie sie helfen kann. 

vor 2 Stunden von Ramstein:

Deine Darstellung ist eine Jahresdarstellung. Wenn ich mir in meinem Depot das Jahr 2008 anschaue, sehe ich unmittelbar, dass es nicht nur -38% in 2008 waren, sondern dass es im Januar & Februar 2009 weitere -21% gab.

 

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Wenn man von MaxDD redet, sind also reine Jahresbetrachtungen nicht ganz richtig.

 Ich habe jetzt der Einfachheit die Zahlen genommen, die jemand anderes auf Jahresbasis recherchiert hat, zugegeben, ein wenig quick und dirty. Wenn man statt dessen Krisenzeiträume betrachtet, hat man das Problem, wo fängt eine Krise an und wann hört sie auf. Gerade die nachdrücklichen Krisen 1929+ oder 2000+ bestehen in Wirklichkeit aus mehreren Krisen, die in zeitlicher Nähe zueinander stattgefunden haben. Eine Abgrenzung ist da keineswegs trivial. Bei 2008 hast Du sicherlich recht, die Kursrückgänge Anfang 2009 gehören hier thematisch noch dazu. Bis Jahresende 2009 waren jedoch nicht nur die Kursverluste vom Jahresanfang wieder ausgeglichen sondern auch noch ein gutes Drittel von 2008. Ende 2009 hatte man im Vergleich zum Jahresanfang 2008 nur noch ein Minus von gut 20 %. Um dieses Prinzip geht es mir. 

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Sapine
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Einen sehr schönen Beitrag der das Thema Risiko aus anderer Sicht betrachtet füge ich hier mal ein. Es geht um die Frage ob die Volatilität ein geeigneter Gradmesser für Risiko ist und welche alternativen (ich sage modernere) Sichtweisen es dazu gibt. Die aus meiner Sicht wichtigste Passage habe ich hervorgehoben. Aber auch der Hinweis auf die Post-Modernen Portfolio-Theorie (PMPT) macht in dem Zusammenhang Sinn. 

 

vor 3 Stunden von Glory_Days:

Ich leider auch :thumbsup: Einzig und alleine die Unkenntnis und Unwissenheit der überwiegenden Mehrheit der Marktteilnehmer lässt mich optimisitisch bleiben - aber das ist schon eine eher krude Sicht der Dinge.

vor 12 Stunden von Fondsanleger1966:

Er zeigt, dass die Vola für einen Risikovergleich nur eingeschränkt geeignet ist. Sie beträgt für den Multi-Asset-Mix ca. 2/3 des Aktienindex. Aber der größte MDD, der für die meisten Privatanleger und vermutlich auch den TO relevanter ist, beträgt nur rund die Hälfte.

:thumbsup: diese Sicht teile ich. Entscheidend aus Anlegersicht sind Max Drawdown (MDD) und Downside-Volatilität als Risikomaß (in dieser Reihenfolge) sowie Return on Max Drawdown (RoMaD) und Sortino Ratio als risikoadjustierte Rendite. Alles vereint in einer einzigen Kennzahl - der CWARP-Kennzahl - die den Effekt des Hinzufügens einer neuen Portfolio-Komponente zu einem bereits bestehenden Portfolio auf diese Größen misst:

Zitat

CWARP provides a simple score that measures whether any investment will improve or hurt a pre-existing portfolio, measuring return, downside volatility, and maximum drawdown altogether.

Quelle: Moneyball for Modern Portfolio Theory - The Sharpe Ratio Problem and Cole Wins Above Replacement Portfolio Solution (Link - Anmeldung benötigt); GitHub-Repo zur Implementierung

Übrigens gibt es neben der bekannten Modernen Portfolio-Theorie (MPT) schon lange auch die darauf basierende Erweiterung in Form der Post-Modernen Portfolio-Theorie (PMPT) - die in ihrer Beschreibung lediglich die Downside-Volatilität von Portfolien berücksichtigt (siehe hier oder hier)

 

vor 2 Minuten von Glory_Days:

@Sapine vielleicht noch ein kleiner Disclaimer. Der Return on Max Drawdown (RoMaD) - manchmal auch als sog. Calmar Ratio bezeichnet - ist genauso wie das Sortino Ratio natürlich immer nur so gut, wie es die Datenlage hergibt. Das gilt insbesondere für das Calmar Ratio - wenn selektive Zeiträume betrachtet werden, die starke Crashphasen aussparen.

Auch bilden der bisherige historische Max Drawdown und die historische Downside-Volatilität keine Begrenzung für zukünftige negative Ereignisse. D.h. auch diese Risiko-Kennzahlen könnten das zukünftige Risiko eines Portfolios stark unterschätzen. Das muss man immer im Kopf behalten, wenn man sich diese Kennzahlen für Portfolien im Bezug auf die Vergangenheit anschaut.

Es gibt auch Argumente, warum die Volatilität (Summe aus Downside- + Upside-Volatilität) doch geeigneter sein könnte, um das zukünftige Risiko einschätzen zu können. Je schwankungsintensiver im Sinne der Volatilität ein Portfolio tatsächlich ist, desto höher könnte die Gefahr sein, dass sich diese irgendwann in der Zukunft auch in Form von Downside-Volatilität äußert, selbst wenn es auf der verfügbaren Zeitreihe bisher nur Upside-Volatilität gegeben hat.

 

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Sapine
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Am 27.8.2022 um 23:06 von Glory_Days:

Eine weitere relevante Risikometrik für Anleger ist das sogenannte Shortfall-Risiko, d.h. das Risiko eine vorgebenene Mindestrendite bzw. einen vorgegebenen Vermögensendwert nicht zu erreichen. Dieser Risikokennziffer immanent ist also das Erreichen des Anlageziels selbst - was von vielen Anleger häufig als der einzig wichtige Punkt überhaupt angesehen wird, wenngleich ich persönlich der Meinung bin, dass das Anlageziel nie ohne den Weg dorthin gedacht werden kann.

Am besten lässt sich dieses Risiko durch eine Worst-Case Betrachtung auf Basis historischer Zeitreihen quantifizieren. Für die Erzeugung einer vernünftigen Statistik sind dafür Zeitreihen notwendig, die sehr viel größer sind als der angedachte Anlagehorizont.

 

vor 38 Minuten von Glory_Days:

Natürlich werden auf annualisierter Basis die Ausschläge mit zunehmender Anlagedauer gegenüber dem (annualisierten) Mittelwert geringer - wie man z.B. hier sehr schön sehen kann. Die Definition des geometrischen Mittelwerts staucht die Kurve auf der y-Achse entsprechend zusammen. Bei kumulierten Renditen ist das anders, dort wird der Abstand zum Mittelwert sowohl absolut als auch relativ gesehen größer.

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Sapine
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Ein detaillierter Artikel von Kommer zum Thema Beurteilung der Weltwirtschaftskrise 1929. Alternative Berechnungen und Ergebnisse unter Berücksichtigung von Realrenditen, Weltportfolio und alternativen Währungen. 

 

Die Wahrheit über den Aktiencrash 1929 (Kommer)

 

Fehler 1 Die Verwendung eines unvollständigen Indexes 

Fehler 2 – Das Rechnen in nominalen, statt in realen Renditen

Fehler 3 – die Gleichsetzung des US-Aktienmarktes mit dem Weltaktienmarkt 

Fehler 4 – Das Ignorieren von Wechselkurseffekten

 

Ergebnis, die Börseneinbrüche waren weniger groß und weniger lang andauernd als oft zitiert. 

 

Nebenbei noch zwei dramatische Einbrüche im Wohnimmobilienmarkt erwähnt Frankreich 88 % und Norwegen 57 %. Soviel zu sicherem Betongold. Und der Einbruch des Goldpreises um 88 % seit 1980 darf auch nicht fehlen. 

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