Ramstein

Anleihen für Dummies

  • Grundwissen
  • Anleihen

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Ceterum censeo feni semper necesse sunt.


 

Anleihen Basics

Anleihen Basics 2

Jetzt in aktive Anleihefonds oder ETFs mit Anleihen hoher Bonität investieren?

Gute Alternativen, oder Bauernfängerei?

Einstieg in die Anleiheinvestition (Linkliste)

Anleiheauswahl: Kunst, Glück, Kleinarbeit?

Steuern

 

Anleihen Basics

 

Einführung

Da mich immer wieder mal Fragen erreichen und der Anleihen-Grundlagen-Faden nur begrenzt hilfreich ist (viele Links funktionieren nicht mehr), möchte ich hier einige Basics zum Anleihekauf schreiben, die manchem neuen Interessenten hoffentlich hilfreich sind.

 

Anleihen haben im Depot eine Aufgabe, die man durchaus unterschiedlich sehen kann. Für mich gibt es folgende Gründe, in durchaus ertrags-/risikoorientierte Anleihen zu investieren:

  • Diversifikation über verschiedene Assetklassen
  • planbare Kapitalflüsse aus Zinszahlungen
  • Spekulation auf Wertgewinne in Sondersituationen

Je nach eigener Schwerpunktsetzung, wird man unterschiedliche Aspekte bei der Anleihenauswahl berücksichtigen.

 

Anleihen sind für das Unternehmen Fremdkapital. Zinsen müssen gezahlt werden, bevor die Aktionäre ihre Dividende bekommen. Bei der Insolvenz geht auch (sofern noch was da ist) das Geld erst an die Anleihebesitzer dann an die Eigentümer/Aktionäre.

Der Vorteil von Einzelanleihen gegenüber Fonds und ETFs ist, dass man (sofern kein Kreditereignis eintritt) beim Kauf bereits die Rendite bis zur Fälligkeit kennt.

Am Anfang steht dabei i.d.R. der Entschluss: „Ich diversifiziere mein Depot mit Anleihen.“ Aber welche? Dann wird auf einer Internetplattform der Anleihenfinder angeworfen und man bekommt mehr oder weniger sinnvoll Vorschläge. Wo sind mögliche Probleme?

 

Informationsquellen

Es gibt zahllose Internet-Portale, aber ich würde immer bei den Börsen Frankfurt und Stuttgart schauen, da dort die Informationen am zuverlässigsten sind (aber auch nicht immer 100% richtig). Letztendlich gilt nur der Prospekt (siehe unten).

 

Prospekt

Zur Anleihe gibt es einen Prospekt (und manchmal zusätzlich ein Pricing), in dem die Bedingungen stehen, wann wie viel gezahlt wird oder wann nicht. Den Prospekt sollte man vor dem Kauf der Anleihe lesen. Mögliche Bedingungen sind z.B. Kündigungsoptionen, Zinsaussetzungen oder Zinsveränderungen bei Ratingänderungen.

Prospekte findet man (manchmal) auf den deutschen Börsenseiten verlinkt, bei der Börse Luxemburg, beim Emittenten oder man muss suchen: google "ISIN prospectus".

So liest man Anleiheprospekte.

 

Währung

Manchmal ist der Zinssatz attraktiv und man übersieht, dass irgendwo z.B. ZAR steht. Das heisst dann, man kauft eine Fremdwährungsanleihe in südafrikanischen Rand und muss Währungsschwankungen (in vielen Fällen ein Euphemismus für Wechselkursverluste) einrechnen und schon ist die Rendite nicht mehr so prickelnd. Als Bond-Neuling sollte man am besten erst einmal mit Anleihen in Euro anfangen.

 

Laufzeit

Normale Anleihen haben in der Regel eine bei der Ausgabe festgelegte Laufzeit, die im Prospekt steht. Man weiss also, wann man sein Geld zurück bekommt.

 

Zinszahlung

Ebenfalls im Prospekt steht die Höhe der Verzinsung und ob sie jährlich oder halb- oder vierteljährlich erfolgt. Natürlich ist auch angegeben, zu welchem Datum gezahlt wird.

 

Stückelung

Viele Anleihen werden mit Kindersicherung 50K, 100K, 200K Euro begeben, um Prospektpflichten zu vermeiden. Die meisten Kleinanleger wollen aber nicht 50.000 Euro oder mehr Klumpenrisiko in eine Anleihe festlegen. Also auf die "Mindestanlagesumme" oder die "kleinste handelbare Einheit" achten.

 

Emissionsvolumen

Der Gesamtnennbetrag einer Anleihe. Dieser wird immer im Prospekt genannt. Manchmal wird nicht alles gleich auf den Markt geworfen, sondern der Emittent behält einen Teil zur Marktpflege ein (z.B. der Bund). Der Emittent kann sich auch im Prospekt das Recht einräumen, das Anleihevolumen später aufzustocken.

 

Liquidität

Manche Anleihen sind attraktiv, aber das meinen die Besitzer auch und verkaufen nicht; andere liegen wie Blei im Depot und keiner will sie kaufen. Daher sollte man immer prüfen, ob es auch Liquidität (Umsätze, Geld- und Briefkurse mit Volumina) an den Börsen gibt. Ein Indikator ist dabei das Emissionsvolumen.

 

Kauf

Kursangaben sind immer auf einen Nennwert von 100 bezogen, auch wenn die Anleihestückelung z.B. 1.000 Euro beträgt. Zusätzlich muss man die seit dem letzten Zinstermin aufgelaufenen Stückzinsen zahlen. Wenn Anleihen "flat" notieren, fallen keine extra Stückzinsen an, sondern diese sind (z.B. bei Genussscheinen oder Preferred Shares) im Kurs enthalten. Das muss man bei der eigenen Renditeberechnung berücksichtigen! In solchen Fällen sind die Renditeangaben im Internet oft nicht korrekt! Limits (auch bei Anleihen sinnvoll) beziehen sich auf die Kursangabe (ohne Stückzins, ohne Währungsumrechnung).

 

Vorzeitige Kündigung

Manche Prospekte geben dem Emittenten das Recht zur vorzeitigen Kündigung. Gerade wenn (wie jetzt) Anleihen mit hohem Nominalzins über 100 stehen, kann das eine böse Überraschung sein. Da hilft nur: Prospekt lesen.

 

Nachrangigkeit

Neben normalen Senior-Anleihen gibt es auch nachrangige Anleihen (Tier-1, Tier-2, CoCos, Genussscheine, Pref. Shares, allgemein Schweinkram genannt), die den Anleger im Krisenfall deutlich schlechter stellen. Auf den Seiten der Börsen Frankfurt und Stuttgart wird das recht zuverlässig angezeigt. Das ist nichts für Anfänger. Nachtrag: Ab 1.1.2018 sind viele Nachranganleihen aus regulatorischen Gründen (MiFID II) für Privatkunden nicht mehr kaufbar.

 

Rating

Die großen Ratingagenturen raten nicht nur Länder, sondern auch Anleihen großer Emittenten. Je schlechter das Rating, desto höher die Rendite und die Ausfallwahrscheinlichkeit. Ohne Garantie hier mal eine Tabelle über Ausfallwahrscheinlichkeiten bei Unternehmensanleihen, die ich irgendwo abgegriffen habe:

 

Anleihen Ausfallquoten.png

 

Ausführlichere Tabellen gibt es hier. Zu Erwähnen ist noch die chinesische Ratingagentur Dagong, die oftmals andere Sichtweisen als die großen drei hat. Beispiel USA mit A statt AAA, Gazprom mit AAA statt BBB-.

 

Ratings von Kleinkrautern wie Euler Hermes, Creditreform und Feri findet man insbesondere bei Mittelstandsbonds. Hier sollte man vorsichtig sein, denn die Erfahrungen mit diesen Ratings sind sehr durchwachsen.

 

Rendite

Die Zinsen bekommt man immer auf den Nominalwert der Anleihe, auch wenn man zu einem höheren oder niedrigerem Kurs gekauft hat. Das Ziel des gemeinen Anleihekäufers sind die laufenden Erträge (CY Current Yield) und Gesamtrendite (YtM Yield to Maturity). Oftmals werden auf Portalen diese Werte angegeben, aber gründliche Anleger rechnen selber nach (XIRR, XINTZINSFUSS), da es doch oft Fehler gibt.

 

Risiko

Je höher die Rendite, desto höher das Risiko. Im Gegensatz zu Aktien (Risiko: Fällt der Kurs?) ist bei Anleihen von soliden Emittenten nur die Frage "Können sie zahlen oder nicht?". Ob es der Firma schlecht geht, die Aktionäre keine Dividende bekommen, etc. ist dem Anleiheinvestor egal. Solange es kein Kreditereignis gibt, wird die Anleihe bedient.

 

Kreditereignis

Der Albtraum des Bondholders. Der Emittent restrukturiert die Schulden oder meldet Insolvenz an; heftige Verluste sind die Folge. Bei unsoliden Klitschen (Beispiel M-Bonds) bietet das neue Schuldverschreibungsgesetz die Möglichkeit, die Schuldner mit teilweise wenig seriösen Mitteln zu rasieren. Länder wie Griechenland ändern das Gesetz, Gesinde wie Österreich/Kärnten erklären Staatsgarantien für unwirksam.

 

Anwendbares Recht

Gerade schwache Schuldner können oftmals Anleihen mit relativ niedrigerem Zinssatz emittieren, indem sie ausländisches Recht im Prospekt vereinbaren. Griechenland hat seine Anleihen nach britischem und Schweizer Recht vollständig bedient. Die 2012er Tauschanleihen mussten nach englischem Recht begeben werden, da niemand mehr dem griechischem recht vertraute. Aber Argentinien hatte für seine alten Bonds New Yorker Recht vereinbart und zahlt trotz Urteil in New York nicht. Die meisten italienischen Staatsanleihen sind "Dekretanleihen", d. h. die Regierung kann durch einfaches Dekret Laufzeit und Zinssatz ändern. 

 

Quellensteuer

Auch auf Zinsen erheben manche Länder Quellensteuer, die auf die Abgeltungssteuer angerechnet wird, oder die man entweder über die Bank oder selbst zurückfordern kann.

 

Fiktive Quellensteuer

Manche Länder bescheinigen (für alle oder einige ihrer Anleihen) eine fiktive Quellensteuer, die man nicht gezahlt hat und erhöhen so die Nachsteuerrendite (beliebtes Beispiel: die Anleihen der Province Buenos Aires). Achtung: nicht alle Broker weisen das korrekt aus; man muss die Zinsabrechnung immer prüfen.

 

Aktienanleihen

Manche strukturierten Wertpapiere verwenden zwar das Wort "Anleihe", sind aber keine. Hierbei sollte man unbedingt vor dem Kauf den Prospekt lesen und verstehen.

 

Diversifikation

Genau wie bei Aktien sollte man auch bei Anleihen diversifizieren, z.B. nach Emittent, Branche, Laufzeit, Rating, Währung. M.E. sollten es schon 10 oder mehr Anleihen sein.

 

Informationen

Informationen und (ganz wichtig bei Schweinkram) Anleiheprospekte findet man im WpF, im Bondboard, mit Google (ISIN prospectus), auf Portalen wie fixed-income, auf den Webseiten der Emittenten, der SEC, bei Börse Luxemburg, etc. usw. Im Zweifelsfalle kann man auch bei den Investor Relations Abteilungen des Emittenten der jeweiligen Anleihe anfragen.

 

Links

Pfandbriefe und Anleihen (Licuala)

Zinsstrukturkurve Börse Stuttgart ist den Relaunch zum Opfergefallen

Bond Basics von Allianz Global Investors

 

Dank an Karl Napf fürs Korrekturlesen!

Moody-RatingsundAusfallwahrscheinlichkeiten Jan2017.png.2e8159005c0926f365737541f2999d5d.png

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Unwissenheit ist Stärke. George Orwell, 1984

Anleihen Basics 2

In diesem Beitrag möchte ich einige weitere Punkte ansprechen, die den Rahmen der Einführung gesprengt hätten, die es aber trotzdem wert sind, erörtert zu werden.

 

Renditeberechnung

Ich rate allgemein dazu, Renditeangaben im Internet nicht nur zu glauben, sondern nachzurechnen. Hier ein Beispiel:

 

Bildschirmfoto 2015-09-08 um 09.39.41.png

Bei den Kosten wurden 5,90 Euro auf 5.000 Euro Nominal angesetzt. Ihr solltet am Beispiel vergleichen, welche "Rendite" in Internet bei den diversen Anbietern gezeigt wird.

 

Nachrangige Anleihen: Wie erkennt man sie?

Man beginnt mit dem Anleihefinder einer Börse und findet dann ein vermeintliches Schnäppchen mit guter Rendite. Oftmals sind das aber Nachranganleihen (vulgo Tiere oder Schweinkram genannt), bei denen man genauer hinschauen sollte. Ein erster Indikator ist oft schon die Bezeichnung. Beispiel: HT1 FUNDING GMBH FLR-ANL. V.06(17/UNB.).

  • Das "unb." (englisch "und."; unbefristet, undetermined) sagt hier, dass es keinen festen Tilgungstermin gibt; typisch für Nachranganleihen.
  • "FLR" bedeutet Floating Rate (veränderlicher Zinssatz), auch oft ein Indikator für Nachränge.
  • Subordinated Notes (Sub.) ist englisch für Nachranganleihen.
  • Preferred Shares sind ebenfalls eine Art Nachranganleihen
  • Coco-Bonds werden bei EK-Schwäche der Bank automatisch in Aktien gewandelt; die sind dann meist auch nicht viel wert
  • seriöse Quellen sagen natürlich klar "Anleihe ist nachrangig"

Für Neulinge ist hier äußerste Vorsicht geboten. Angaben auf Internetportale sind häufig, Angaben auf Börsenseiten manchmal fehlerhaft. Man sollte immer den Prospekt lesen und verstehen, aber das sind oftmals mehrere Hundert Seiten und die erschließen sich nicht leicht.

Lesenswert: Börse Stuttgart TIER-Anleihen

 

 

Herabschreibung des Nennwertes

Nachranganleihen haben Eigenkapitalcharakter. Sie werden in der Regel über stille Beteiligungen realisiert. Wenn dann wegen Verlusten das Eigenkapital der AG (temporär) heruntergeschrieben werden muss, so wird auch der Wert der stillen Beteiligung und damit der Anleihe heruntergeschrieben. Der Anleger muss aber nicht selber "rechnen", sondern das ist im Börsenkurs eingepreist. Falls allerdings auf eine heruntergeschriebene Anleihe Zinsen gezahlt werden, dann nicht auf den vollen Wert, sondern nur auf den Reduzierten. Beispiel: HT1 Funding der Commerzbank, für die in der Vergangenheit trotz Verlust Zinsen gezahlt wurden, da diese von der Allianz garantiert sind.

 

Vor der Dividenzahlung an die Aktionäre oder die Rückzahlung müssen die Anleihen wieder heraufgeschrieben werden. Details stehen im Prospekt.

 

Teiltilgung, Poolfaktor

Normalerweise werden Anleihen am Ende der Laufzeit zum Nominal von 100 zurück gezahlt. Es gibt aber auch Anleihen, bei denen die Rückzahlung in mehreren Schritten erfolg, z.B. über 3 Jahre alle 6 Monate zu 1/6. (Beispiel Province Buenos Aires Anleihen.) Der Gläubiger erhält über einen längeren Zeitraum regelmäßige Zahlungen, der Schuldner muss nicht zu einem Termin einen großen Betrag zahlen.

Beachtenswert: die Börsenkurse beziehen sich oft weiter auf das Nominal von 100 und dazu gibt es einen Poolfaktor, z.B. 50%. Diese Besonderheit wird meistens nicht korrekt angezeigt, die angezeigten Renditen sind grob falsch. Da hilft nur: Prospekt lesen, selber rechnen.

 

Duration, Zinsänderungsrisiko

Duration ist die Bindungsdauer des angelegten Kapitals. Die Duration ist kürzer als die Restlaufzeit, da sich durch zwischenzeitliche Zinszahlungen auf das angelegte Kapital die Amortisationsdauer verkürzt. Sie wird in Jahren gemessen und ist der gewichtete Mittelwert der Zeitpunkte, zu denen der Anleger Zahlungen aus einem Wertpapier erhält. Die Duration ist umso höher, je niedriger der Kupon ist. Für den Extremfall der Nullkuponanleihe gilt, dass die Duration mit der Restlaufzeit der Anleihe übereinstimmt.

Sehr gute Erläuterungen dazu im Video bei fintool.ch. (Must see!)

 

Inflationsindizierte Anleihen

Bei inflationsindizierten Anleihen ändert sich Nominalwert und Zins mit dem zugrunde liegenden Preisindex. Diese Änderungsfaktoren veröffentlicht i.d.R. der Emittent börsentäglich. Sie sind werden aber nicht in die Kurs- und Stückzinsanzeige der Börsenplätze eingerechnet! Eine sehr schöne Beschreibung, die hier nicht wiederholt werden muss, gibt es bei der Deutschen Finanzagentur. Dort ist auch ein Excel-Sheet mit den Indexzahlen verlinkt.

FRN, Floating Rate Note im Video erläutert

 

Fremdwährungsanleihen und Fremdwährungskonten

Guckst du hier: Fremdwährungskonto für den Handel mit Anleihen

 

Weitere offenen Punkte

 

Internet

Morningstar: Anleihe ABC: Die Geschichte zweier Kennzahlen: „Laufzeit“ und „Duration“

Morningstar: Ist die gesetzliche Rente eine Anleihe?

Morningstar: Risikomanagement bei Bonds: Die Grenzen der Duration

Was sind eigentlich Preferred Stocks ? und Top oder Flop: Preferred Stocks

 

Literatur

Anleihen verstehen: Grundlagen verzinslicher Wertpapiere und weiterführende Produkte siehe Meinung dazu

Zinsen, Anleihen, Kredite von Spremann und Gantenbein (mathematische Grundlagen werden vorausgesetzt)

 

 

 

 

 

31.05.16: Literatur ergänzt (Dank an IRRer-Zins)

17.05.16: Videolinks zu Duration ergänzt

08.10.16: Internet Links ergänzt

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Geld ist genug da.

Nur noch nicht hier.

Jetzt in aktive Anleihefonds oder ETFs mit Anleihen hoher Bonität investieren?

 

Ursprünglich wurde dieser Beitrag im August 2014 geschrieben; aber Anfang September 2015 gilt das Gesagte immer noch.

Immer wieder wird im WpF gefragt „Welche Anleihe-Fonds soll ich denn für den risikoarmen Depotanteil kaufen?“. Hierzu möchte ich mal versuchen, in einfachen Worten meine persönliche Meinung zu sagen. Dabei beziehe ich mich auf die oft RK1 genannten soliden Anleihen, möglichst mit mindestens A-Rating.

 

 

Theorie: Warum Anleihen (Anleihefonds) im Depot beimischen?

 

1. Portfoliotheorie

Nach der Portfoliotheorie (begründet im Wesentlichen von Markowitz) sollte ein ausgewogenes Portfolio verschiedene Assetklassen enthalten. Am häufigsten werden Aktien, Anleihen, Rohstoffe und Immobilien genannt. Dabei wird davon ausgegangen (gehofft), dass diese Klassen nicht vollständig miteinander korrelieren (also gleichzeitig und gleich stark steigen und fallen). Idealerweise steigt Assetklasse A, falls Assetklasse B fällt (negative Korrelation), oder A fällt viel stärker als B (schwache Korrelation). Durch Rebalancieren wird in bestimmten Intervallen die ursprüngliche Verteilung wieder hergestellt, also z.B. einige der sehr stark gestiegenen Assets verkauft und die sehr stark gefallenen Assets gekauft. Langfristig geht man hierbei davon aus, dass Kursüber- und Untertreibungen nur temporär sind. Hier kann man sehr schön sehen, wie in der Vergangenheit z.B. eine Aufteilung funktioniert hätte. http://www.handelsbl...terisiko-radar/

 

2. Sicherheit

Aktienkurse können und werden schwanken, sie werden auch sehr stark schwanken. Änderungen von +-50% sind durchaus keine Unmöglichkeit. Solide Anleihen schwanken wesentlich weniger. Bei Staatsanleihen und soliden Unternehmensanleihen erwartet man nur geringe Schwankungen, da die Bonität der Schuldner gut ist und man zum Ende der Laufzeit von einer Rückzahlung zum Nennwert ausgeht. Daher sollten Kurse nur recht gering schwanken und jedes Jahr sollten Zinsen gezahlt werden, deren Höhe feststeht, im Gegensatz zu der gewinnabhängig schwankenden Aktienrendite.

 

3. Rendite

Durch die regelmäßig gezahlten Zinsen liefern Anleihen ein laufendes Einkommen, das viele bevorzugen. In der Vergangenheit war die Anleihenrendite auch i.d.R. höher als die Dividendenrendite; dafür gibt es aber auch keine Erwartung dauerhafter Kurssteigerungen, da die Rückzahlung am Ende der Laufzeit zum Nennwert erfolgt.

 

 

Häufige (nicht meine) Meinung im Forum: Anleihefonds sind gut

 

1. Fonds (deutscher) Staatsanleihen haben in den letzten Monaten und Jahren eine deutliche Rendite geliefert und man muss sich nicht um die Auswahl der Einzelanleihen kümmern. Wenn die Zinsen wieder steigen, fallen zwar die Anleihekurse, aber aus Fonds scheiden laufend Anleihen aus (Verkauf oder Fälligkeit) und werden dann durch neue Anleihen mit höherer Verzinsung ersetzt.

 

2. Die Rendite der letzten Jahre oder Monate ist gut und ein klarer Kaufindikator, trotz aller Unkenrufer, die Anleihefonds versuchen schlecht zu reden. Die bei den Fondsdaten angegeben laufende (sehr niedrige) Verzinsung wird nicht so beachtet.

 

3. Überragend wichtig ist die Sicherheit. Auch wenn die Sicherheit darin besteht, dass nach Inflation und Steuern die Kaufkraft des angelegten Geld weniger wird. Wenigstens wird es nur wenig weniger.

 

 

Meine Meinung für den Kleinanleger

1. Ich sehe ein nur noch sehr begrenztes Potenzial für weitere Kurssteigerungen durch weitere Zinssenkungen. Eher sehe ich, dass zuerst die US$-Zinsen und dann auch die Euro-Zinsen ab 2015, spätestens 2016 wieder steigen werden. Es ist Sommer 2019 und wir warten immer noch. Vermutlich noch längere Zeit vergeblich.

 

2. Die Kursverluste durch das von mir erwartete steigende Zinsniveau werden bei Fonds mit länger laufenden Anleihen durch die laufende Verzinsung nicht ausgeglichen werden.

 

3. Fonds mit Kurzläufern bieten eine so geringe Rendite, dass Tagesgeld günstiger ist. Für 2-3 Jahre sollte man auf gestaffelte Festgelder oder Sparbriefe ausweichen.

 

 

Meine eigenen Festzinsanlagen

Ich erwarte von allen Anlagen eine angemessene Rendite und bin auch bereit, dafür Risiken einzugehen. Daher investiere ich im kurzen Laufzeitbereich (bis 1 Jahr) in mir ausreichend sicher erscheinende höher verzinsliche Anleihen oder auch Bankentiere mit einer guten Call-Wahrscheinlichkeit. Das ist aber sicher nicht für jeden geeignet, da es eine größere Anlagesumme und eine eigene Einschätzung der einzelnen Werte erfordert.

 

Tagesgeld halte ich wenn dann nur wenige Monate, sofern ich Liquidität unbedingt parken will.

 

Dank an Karl Napf fürs Korrekturlesen!

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Posted · Edited by Ramstein

Gute Alternativen, oder Bauernfängerei?

 

Nicht jeder mag Anleihen oder traut sich einzelne Anleihen zu kaufen. Anleihe-ETFs mit Investment-Grade Bonds werden von Kommer empfohlen, hier im Forum aber nicht so favorisiert, da sie zurzeit kaum Rendite bringen. Da treffen mehr oder weniger obskure Angebote auf offene Ohren, die "Festgeld" mit hohen Zinsen versprechen. Notorisch bekannt sind beispielsweise

 

  • Eurokasse New Zealand Ltd (7% Zinsen) oder
  • Human Invest NGO in Laos/Thailand (9% Zinsen als Weihnachtsangebot)
  • Cashboard.de mit "garantierten" 2% Zins

Typisches Merkmal ist, dass Webseiten schöne Sprüche machen über nachhaltige, humanitäre, ökologische, etc. Geldanlage, die auch noch "sicher" ist.

 

Beweis: Bisher hat es funktioniert.

Ich bin bei solchen Angebote äußerst skeptisch und würde da nie Geld hingeben (anlegen sage ich in dem Zusammenhang nicht einmal). Eine einfache Frage sollte man sich immer stellen: Was tun, wenn die angegebene Telefonnummer abgeschaltet und die Website nicht erreichbar ist? Wer hilft dann? Gibt es eine Aufsichtsbehörde, die zumindest minimal über Seriosität wacht? Wenn man im Problemfall um die halbe Welt reisen muss, um sein Geld zu suchen, so ist das nicht die erste Wahl. Dann doch lieber Tages- oder Festgeld in Euro mit EU-Einlagensicherung.

 

Nachtrag: Die Webseiten von Eurokasse New Zealand Ltd sind seit Februar 2016 nicht mehr erreichbar.

Nachtrag: Cashboard.de -> TITSUP

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Einstieg in die Anleiheninvestition

 

Mancher mag sich fragen, wie man anfangen sollte, in einzelne Anleihen zu investieren. Im Forum gibt es dazu bereits Fäden:

Dort kann man sicher Anregungen finden.

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Posted · Edited by Ramstein

Anleiheauswahl: Kunst, Glück, Kleinarbeit?

Work in progress

 

Als ich dieses Zitat las, dachte ich mir: Stimmt doch gar nicht.

 

Zitat
Was ist anspruchsvoller: Aktien oder Anleihen?
Aktien kann jeder; Anleihen sind die intellektuelle Champions League. Ich stelle mir einen erfolgreichen Anleihen-Anleger so vor: Ein Teil Trüffelschwein, kombiniert mit einer ordentlichen Portion Sherlock Holmes, abgeschmeckt mit einem Pfund furztrockener, vollkommen humorbefreiter Buchhalter.

 

Ich glaube eher, dass viele Aktienkäufer in naivem Selbstvertrauen aufgrund zweifelhafter Daten Papiere kaufen, ohne sie tiefer zu hinterfragen, oder gar zu analysieren. Bei Anleihen heisst es immer: Lies den Prospekt! Bei Aktien müsste man sagen: Lies den Jahresabschluss! Lies die Marktprognosen für die Märkte der Produkte der AG! Lies die Zwischenberichte und Ad hoc Mitteilungen! Macht natürlich keiner. Oftmals herrscht eher dar Glaube "Das Produkt kenne ich und finde ich gut, also kaufe ich die Aktie."

 

Wer ist Schuld? Mein Lieblingsschuldiger: die Gutmenschen, die meinen, man müsste Anleger schützen und immer mehr Angaben in den Anleiheprospekten verlangen. Und natürlich die heutigen Juristen, die dann mit immer feinerem Kamm das geschriebene nach Hintertüren durchsuchen, falls einmal die Investition oder Spekulation eines rechtsschutzversicherten Anlegers nicht aufgegangen ist.

 

ProfitlichSchmidlin haben jetzt eine sehr schöne Graphik dazu veröffentlicht:

 

Bildschirmfoto 2017-01-22 um 19.10.02.png

 

Und jetzt eine kleine Auswahl der Prospekte, die ich auf meiner Platte abgespeichert habe:

  • Depfa GS 804290 (1994): 2 Seiten
  • APO GS 804097 (2001): 3 Seiten
  • Vale US91911TAE38 (2004): 75 Seiten
  • Deutsche Bank A0TU30 (2008): 92 Seiten
  • Charlottenburg Capital XS0540295275 (2010): 121 Seiten
  • 3W Power (2011): 651 Seiten

Und ich bezweifele ernsthaft, dass durch das Mehr an Geschreibsel der Anleger besser informiert wird und bessere Anlageentscheidungen trifft.

 

Eigentlich ist es doch ganz einfach:

Der Aktienkurs wird durch die vergangene und antizipierte zukünftige Geschäftsentwicklung des Unternehmens bestimmt. Wie viel Dividende man bekommt (deren Ausschüttung den Kurs reduziert), erfährt man immer erst im Nachhinein.

Bei Anleihen ist die primäre Frage: Existiert das Unternehmen bis zur Fälligkeit? Kann es den vorab festgelegten Zins und die Tilgung zum Nennbetrag leisten, auch wenn es ihm schlecht geht?

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Posted · Edited by Ramstein

Steuern

 

Gewinn und Verlust

Vor der Abgeltungssteuer mussten Zinsen versteuert werden und separat konnten Kursgewinne mit Kursverluste verrechnet werden. Das ist jetzt anders. Jetzt werden laufende Zinserträge auch mit eventuellen Kursverlusten verrechnet.

 

Fiktive Quellensteuer

Zur Wirtschaftsförderung erlaubt Deutschland manchen Ländern, fiktive Quellensteuer auszuweisen. Beispiel Argentinien: viele Anleihen haben 15% fiktive Quellensteuer. Die wird (sofern die Bank einigermaßen fähig ist) auf Zinszahlungen (und nur auf die, nicht auf Stückzinsen beim Verkauf) angerechnet, und man muss in Deutschland nur noch 10% Abgeltungssteuer zahlen. Was natürlich die Nettorendite deutliche erhöht.

 

Verluste bei Insolvenz

Bisher war der Totalverlust bei Insolvenz des Schuldners nicht anrechenbar auf die erzielten Gewinne. Dies hat sich durch das Urteil des Bundesfinanzhofs jetzt vernünftigerweise geändert (Urteil vom 24.10.2017, VIII R 13/15). Quelle

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Hallo,

hätte eine Frage zu dem o.a. Punkt, speziell:

 

"Verluste bei Insolvenz

Bisher war der Totalverlust bei Insolvenz des Schuldners nicht anrechenbar auf die erzielten Gewinne. Dies hat sich durch das Urteil des Bundesfinanzhofs jetzt vernünftigerweise geändert (Urteil vom 24.10.2017, VIII R 13/15)."

 

Ich bin ziemlich böse reingefallen mit SCHOLZ HOLDING INH.-SCHV. V.2012(2019), AT0000A0U9J2, A1MLSS.

 

Wäre das ein Vorgang, der durch dieses Urteil jetzt steuermäßig neu angegangen werden könnte?

 

Grüße

Robert

 

 

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Wird jedenfalls für künftige Fälle gerade wieder durch das Jahressteuergesetz 2019 ausgehebelt ...

 

https://www.psp.eu/artikel/554/jahressteuergesetz-2019/

Zitat

Änderungen bei Kapitalerträgen im Privatvermögen

Durch verschiedene klarstellende Regelungen in § 20 EStG soll sichergestellt werden, dass u. a. der durch den Ausfall einer Kapitalforderung oder die Ausbuchung einer Aktie entstehende Verlust steuerlich nicht geltend gemacht werden kann. 

 

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